Franz Ferdinand / Köln / 12.03.2014

Hochwohlgeboren ist sicher keiner von ihnen, der Bandtitel “Franz Ferdinand” nach dem österreichischen Erzherzog war eher Resultat eines späten Namensfindungsprozesses und in der Form dann ein Produkt des Zufalls. Wie prototypische Rockstars wirken die vier Schotten, die mit ihrer Musik schon lange für ausgiebiges Wadentraining auf den Indie-Disco-Tanzflächen der Welt sorgen, allerdings auch nicht: Beim Konzert im Kölner Palladium kommt da ein Dandy-Quartett mit einheitlichen Patchwork-Anzügen auf die Bühne, kultiviert und höflich.

Musikalisch – das wissen die dicht gedrängt stehenden Fans in den vorderen Reihen – geht es nicht so zurückhaltend zu. Sobald die ersten Takte erklingen, zeigt sich deshalb schnell, dass die schottischen Musiker nicht als modisch gekleidete Schaufensterpuppen über den Kanal geschippert wurden, sondern ihren ansteckend tanzbaren Indie-Rock auch mit entsprechendem Körpereinsatz präsentieren. Als eine neue Art von Marschmusik könnte man Franz Ferdinands Stil bezeichnen, eigentlich perfekt zum Joggen. Bei den Stakkato-Beats wurzelt kein Besucherbein am klebrigen Hallenboden. Und auch Alex Kapranos, 41, Frontmann des britischen Vierers, hat Hummeln im Hintern. Er tritt um sich, zieht die Beine wie beim Morgensport zu sich hinauf, posiert wie ein Hair-Metal-Star aus den 80ern. Vor allem aber hüpft er umher, als trage er Sprungfedern versteckt unter den Absätzen seines eleganten Schuhwerks. Sein Kollege, Gitarrist Nick McCarthy, will ihm in nichts nachstehen. Das knapp unterm Kinn angelegte Instrument stört ihn nicht dabei, umtriebig seine Bühnenseite zu beackern. Da schwingt schon ein wenig Angst mit, die engen Röhrenhosen könnten reißen.

Anlass für die Tour ist die neue Platte “Right Words, Right Thoughts, Right Action”, das mittlerweile vierte Album des Quartetts. Nur verständlich, dass die Jungs auch viel aktuelles Material in ihr Set stecken. Musikalisch reihen sich die Stücke nahtlos in das bisherige Oeuvre der Schotten ein. “Love Illumination” drückt gehörig aufs Tempo und kommt in seinen rund dreieinhalb Minuten mit einem Refrain daher, der sich einbrennt im Kopf. “Evil Eye”, das mit einem markigen Schrei beginnt, würde gut als Soundtrack eines Super-Mario-Geisterschloss-Levels funktionieren. Da schwingt eine mysteriöse Gruselstimmung mit, tanzbar bleibt das Stück allemal. “Fresh Strawberries” dagegen nimmt ein wenig Tempo raus und erweist sich als Britpopper als absolut radiotauglich.

Heiß erwartet werden auch die Hits der Vorgängeralben, darunter eine ganze Menge Tanzflächenkracher, wie etwa “No You Girls” oder “Can’t Stop Feeling”. “Take Me Out” vom 2004er Debütalbum ist der erste große Höhepunkt des Abends. Bis ans Hallenende schwappt die Hüpfbegeisterung. Band und Publikum zelebrieren den Song förmlich, der sich im Verlauf immer weiter steigert, ehe es zur Explosion kommt. “Ulysses” ist nah am Schluss des regulären Sets angesiedelt. Die Positionierung des grandiosen Ohrwurm-Hits aus dem Jahr 2009 funktioniert. Der zweite Höhepunkt des Konzerts sorgt für langanhaltenden Jubel im Palladium.

Am Ende wirken die vier Herren nicht mehr ganz so frisch und fein wie zu Beginn. Nach rund 100 Minuten sind die Hemden schweißdurchnässt, die Haarschöpfe klitschnass und die Finger wundgespielt. Sichtlich Freude hat ihnen die Show gemacht. Mit breitem Grinsen verlassen Kapranos und Co. winkend die Bühne. Für Höflichkeiten ist zuvor trotzdem noch Zeit geblieben: Der Sänger schnappt sich das Mikrofon nach der letzten Zugabe, bedankt sich beim Publikum fürs Kommen. Dann greifen sich die vier Musiker an den Händen und verbeugen sich. Diese Schotten wissen halt, wie’s geht.

James Blunt / Oberhausen / 05.03.2014

Wenn er da so steht mit seiner Gitarre in der Hand auf der viel zu großen Bühne der Arena in Oberhausen oder fast schon schüchtern am Klavier Platz nimmt, dann wirkt James Blunt wie ein Anti-Star, ein Normalo, der sich gerne in Jeans und Karohemd kleidet und der genauso gut in der Studentenmensa mit Tablett vor einem in der Schlange stehen könnte.

An diesem Abend hat sich der kürzlich runde 40 Jahre alt gewordene Brite in einen Overall geschmissen. Soll ja schließlich alles passen bei seiner nach der aktuellen Platte benannten “Moon Landing”-Tour. Und so kommt man sich insgesamt ein wenig vor wie im Weltall bei der extraterrestrisch anmutenden Dekoration inklusive kleiner Podeste, auf denen die vier Bandmitglieder platziert sind und die auch als Teil einer Raumsonde durchgehen würden. Nein, trotz der auf einer Riesenleinwand eingespielten Bilder von Astronauten, startenden Raketen und Raumschiffinnereien plus von der Decke strahlender Spots, die auch von einem landenden Ufo stammen könnten, so ganz will Blunt als All-Reisender nicht funktionieren. Aber, wer hätte auch gedacht, dass der Sänger vor seiner Karriere als Musiker für die britische Armee im Kosovo gedient hätte? Oder, dass er auf Ibiza ein Haus besitzt? Damit allerdings wären die Diskrepanzen in Sachen Schein und Sein abgehakt.

Denn sobald die ersten Klänge ertönt sind, verschmelzen Songs und Sänger zu einer Einheit. Aus dem zurückhaltenden James Blunt, der zur Begrüßung noch artig winkt, während er ein Fläschchen Sprudel mit sich herumträgt, wird an Tasten, Saiten und solo am Mikro im Rhythmus der Band ein Showstar, der ein Abo auf Top-Platzierungen in den Charts gebucht hat und auch live sein Publikum mit wenig Schnickschnack und ohne große Gesten um den Finger wickelt.

9.000 Fans – zugegeben, meist weiblichen Geschlechts – sind in die Arena gepilgert, um ihrem Liebling an den Lippen zu kleben, wenn er sein Innerstes nach außen kehrt und in einem Meer aus Gefühlen badet. Als Balladenbarde macht er die beste Figur. Da lauschen die Damen, Teenie-Fans findet man nur mit Mühe, ehrfurchtsvoll der markanten Stimme, die vor allem in den tieferen Tonlagen eindrücklich rüberkommt, intonieren einem Kirchenchor gleich die Refrains und geraten bei den ersten Klängen eines neuen Songs immer wieder mit lauten Ahs und Ohs ins Schwelgen. Vor allem beim größten Hit des Briten, “You’re Beautiful”, sind die Fans aus dem Häuschen. Im komplett bestuhlten Rund sitzt keiner mehr.

Dass James Blunt sich beim zärtlichen Geschrammel in “Carry You Home”, purem Herzschmerz in “Sun on Sunday” und der Tränensackpresse “Goodbye My Lover” auf Dauerkurs haarscharf am Kitsch vorbeimanövriert: geschenkt. Seine Popmusik ist stark arrangiert und so wunderbar melodiös, dass man dem Sänger verzeihen mag, dass inhaltlich nicht viel mehr als zwischenmenschliche Befindlichkeiten thematisiert werden. Und auch, dass in hohen Gefilden seine Stimme immer wieder bricht. Das mag er als Stilmittel einsetzen, irgendwann aber ist das störend.

Bei den fetzigen Nummern passiert das nicht. Die kann James Blunt übrigens auch ziemlich gut: “Heart to Heart” ist eine Feel-Good-Nummer, “Same Mistake” trotz verpatztem Einsatz ein sich druckvoll steigernder Ohrwurm. Bei “Postcards”, das musikalisch ganz klar Jack Johnson zitiert, tänzelt Blunt mit Ukulele im Arm leichtfüßig über die Bühne als wäre sie ein heißer Sandstrand, bei “So Long, Jimmy” kehrt der Musiker nach 75 Minuten zum Abschluss des regulären Sets den Rocker raus.

Danach bringt Blunt noch drei Zugaben: die Hits “Stay the Night”, “1973″ und das sich ungeniert an Mumford & Sons labende “Bonfire Heart”, eines der am meisten erwartete Stücke des Abends. Zu recht, beim stampfenden Rhythmus sind jetzt auch die Herren mit von der Partie.

Maximo Park / Köln / 19.02.2014

Maximo Park als gereifte Alternative-Rockband zu bezeichnen, ist in zweierlei Hinsicht passend: Zum einen hat der Fünfer aus dem englischen Newcastle schon 13 Jahre Bandhistorie auf dem Buckel und in dieser Zeit fünf Alben veröffentlicht. Zum anderen lässt sich kompositorisch ein Alterungsprozess erkennen. Das wird beim Konzert in Köln deutlich, wo alte Hits und neue Songs um die Gunst des Publikums ringen.

Das betagtere Material, vor allem das von Platte Numero zwei, “Our Earthly Pleasures” von 2007, sorgen im dicht gefüllten Haus für einen klaren Punktsieg der frühen Maximo Park. “Our Velocity” mit seinem Mitsing-Refrain ist eines dieser gefeierten Stücke im Konfetti-Regen der vorderen Fan-Reihen, ebenso wie die Hymne “Books from Boxes”, die die Anhängerschaft gleich mit dem ersten Gitarrenton erkennt und zurecht johlend begrüßt. Sänger Paul Smith weiß, dass der Band damit ein Klassiker gelungen ist: Als sei der Mikrofonständer eine Trophäe reißt er ihn zum Abschluss hoch. “The Kids Are Sick Again”, “Apply Some Pressure” und “Girls Who Play Guitar” – ebenfalls schon leicht angegraut – verwandeln das Publikum mit feinen britischen Ohrwurm-Refrains in eine einzige wabernde Masse aus verschwitzten Haarschöpfen und aufgerissenen Mündern.

Das neuere Material hat es ungleich schwieriger. Die Fans müssen sich offensichtlich an den neuen Sound erst einmal gewöhnen. Schon auf “The National Health” von 2012 deuteten sich zum Beispiel mit dem treibenden “Hips and Lips” erste Elektrospielereien mit New-Wave-Einflüssen an. Auf dem soeben erschienen Longplayer “Too Much Information” setzt sich die Tendenz etwa in Form der ersten Single “Brain Cells” oder dem getragenen “Leave This Island” in verstärktem Maß fort. Das wirkt gesetzter, auch ein wenig unbequemer. Die Band steht zu ihrer konsequenten Entwicklung, vor allem Hutträger Paul Smith lässt daran keinen Zweifel: Seine Turnübungen am Mikrofon, sein unruhiger Gang über die Bühne, der nächste Ausfallschritt, ein neuer Hüftschwung – er liebt die Songs allesamt, und das zeigt er.

Zwischendurch versucht sich der 34-Jährige in ungelenkem Deutsch – Bonuspunkte, die er bei den Fans nicht braucht. Vor allem die weiblichen Anhänger hat er mit seinem spitzbübischen Lachen von Anfang an in der Tasche. Dass er traditionell im Anzug aufkreuzt und bis hinunter zu den glänzenden Schuhen den gewählten Mann von Welt gibt, ist nicht nur Show – als Akademiker war er vor seiner professionellen Musikkariere als Kunstlehrer tätig. “Das nächste Lied ist über die Vergangenheit”, nuschelt er. “Vom neuen Album und zero romantisch.” Auch bei “Drinking Martinis” präsentiert sich Smith geerdet und sympathisch. Der Sound in der Live Music Hall ist übrigens hervorragend, vor allem bei den etwas leiseren Nummern. “Wir haben nicht oft die Chance, softere Songs zu spielen”, erklärt Smith zum reduzierten “Where We’re Going”. Er bedankt sich artig fürs Zuhören. Es ist nicht das einzige ruhigere Stück am Abend. Verschnaufen muss der Zappelphilipp schließlich auch mal. Mit “The Undercurrents” kündigt er ein Liebeslied an. Er stützt sich am Keyboard ab, atmete ein paar Mal demonstrativ schwer, ein Lächeln. War nur ein Witz. Stattdessen gibt’s oldschooligen Punkrock mit einer Erkennungsprise Maximo Park. Kurz und knackig ist “Her Name Was Audre” – wie der Abend. Nach rund 70 Minuten hat das reguläre Set sein Ende erreicht. Danach noch zwei Zugaben und Smith tänzelt von der Bühne. Das wirkt doch alles ganz frisch.

Babyshambles / Köln / 27.01.2014

Aha, da ist dieser Pete Doherty doch genauso wie man ihn aus Yellow Press und Promi-Klatsch-TV kennt. Fast pünktlich wankt er auf die Bühne der seit langem ausverkauften Live Music Hall in Köln. Die Babyshambles starten ihre Deutschland-Tour. Schon beim zweiten Song fliegt der Mikrofonständer ohne Vorwarnung ins Publikum. Nur eine Nummer später segelt der 34-Jährige selbst hinterher und muss aus den Fängen seiner Fans befreit werden.

Darauf eine Margarita oder was auch immer da rot im Becher schwimmt – Hustensaft wird es jedenfalls nicht sein. Mehrere randvoll gefüllte Becher sind nebeneinander aufgestellt. Der Brite braucht nicht bis zum Ende des rund 80-minütigen Sets, um den Vorrat zu vernichten. Dabei hat es den Anschein, dass schon in der Garderobe die ersten Flaschen aufgezogen wurden, anders lässt sich Dohertys Auftritt nicht erklären. Er ist vor allem dilettantisch, gleichzeitig aber ungemein unterhaltsam – wenn man sich darauf einlässt. Das Gitarrenspiel bekommt er gerade noch so hin, überlässt es in vielen Fällen aber sicherheitshalber gleich seinem Kollegen Mick Withnall. Und der Gesang? Abgesehen von wenigen Momenten wäre der Musiker mit seinem schrägen, unkontrollierten Genuschel und Gejammer bei jeder Talentshow durchgefallen.

Glück hat er, der kauzige Geselle, dass beim Auftritt des Londoner Quartetts die Musik gar nicht so wichtig ist, weil seine Einlagen beim Publikum von viel größerem Interesse sind und für irritiertes Staunen sorgen. Wenn der Sänger mal wieder über den klebrigen Bühnenboden rutscht, werden die Hälse der Fans länger. Zum Durchschnaufen nimmt er regelmäßig neben dem Schlagzeug Platz, rauft sich die Haare und legt den Kopf für Flüssiges in den Nacken zu legen. Dann dreht er wieder Pirouetten, verkrümmt sich zum britischen Abbild Quasimodos und humpelt schweißüberströmt als Buckliger durchs Bild.

Wahrscheinlich will es Pete Doherty gar nicht anders, aber das kompositorische Talent wäre da, ein ganz großer Musiker zu werden. Das Händchen für erstklassige Indierock-Perlen hat er allemal. Und in einigen Momenten kommt sein Können dann auch zur Geltung, zum Beispiel bei „Fall from Grace“. Da ist er zwar nicht sonderlich textsicher, legt aber mit seiner Band, deren Mitglieder allesamt nicht über den Status von Statisten hinauskommen, eine locker-flockige Nummer hin, die richtig Spaß macht. „Farmer’s Daughter“ ist das beste Stück vom aktuellen Album „Sequel to the Prequel“ und auch auf Konzerten ein Brett mit seiner einfachen, fast kindlichen Melodie und einem gewaltigen hymnischen Refrain. Das klingt in der Halle lange nicht so sauber wie auf Platte, bringt aber live einen ganz eigenen Charme mit.

„Penguins“ hat auch etwas Spezielles mit seinen stillen Momenten. Doherty sitzt einfach da, artikuliert sich bruchstückhaft ins Mikro und plumpst dann einfach um. „8 Dead Boys“ dagegen geht mit treibendem Gitarrenspiel und am Ohrwurm kratzender Melodie energievoll geradeaus. Zwischendurch bleibt Zeit für ein wenig Reggae, etwas Punk und sogar Sprechgesang. Als Zugaben gibt es ein richtig gutes „Blitzkrieg Bop“-Cover von den Ramones und die Nummer, auf die alle gewartet haben: „Fuck Forever“, in der Regel der traditionelle Abschluss eines jeden Babyshambles-Konzerts dank des außerordentlichen Mitgröl-Potentials.

Es ist Abend, der in Erinnerung bleibt. Weniger bei Pete Doherty, dafür umso mehr beim Publikum. So etwas gibt es nicht alle Tage zu sehen und zu hören.

Biffy Clyro / Düsseldorf / 01.12.2013

Der 1. Advent bringt ungemütliches Wetter mit sich. Vor der Mitsubishi Electric Halle stehen die letzten Besucher in dicke Parkas gehüllt und warten auf Einlass. Die Raucher hüpfen währenddessen für eine Zigarettenlänge von einem Bein aufs andere. Drinnen ist es mollig warm. Dicht an dicht drängeln die Fans, um von ihren Helden Biffy Clyro, den Alternativ-Rockern der Stunde, möglichst viel zu erhaschen, und das Trio macht es wie eh und je: oberkörperfrei. Das gehört sich so bei den Schotten.

Damit da oben auf der Bühne vor Kälte auch keine Gänsehaut aufkommt, legt die Band von Beginn an los, als gelte es, lediglich ein paar Minuten unter Dauerbelastung auszuhalten und nicht rund 100 mehr. Jogi Löw würde ob der Konditionseinteilung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch, keine Sorge, Biffy Clyro wissen, was sie tun – allen voran Sänger Simon Neil, der Zottel mit dem Rauschebart, der optisch an den “Mann aus den Bergen” erinnert, von der Gemütlichkeit eines James Grizzly Adams aber meilenweit entfernt ist, wenn er Kung-Fu-Tritte vollführend, sich verbiegend und wild umherhüpfend an seinem Instrument in Ekstase schrammelt.

Die Fans wissen die Aufopferung der Band zu schätzen und wollen den Musikern in nichts nachstehen. Schon nach wenigen Minuten werden die ersten Anhänger auf Händen nach vorne Richtung Graben getragen, Klammotten werden durch die Luft geschleudert, und “Biffy-Clyro”-Sprechchöre gibt es nach jedem Song obendrauf. “Ihr seid fantastisch”, bedankt sich Simon Neil. Der 34-Jährige hat ein paar deutsche Sätze drauf. Das kommt gut an.

Ebenso wie das musikalische Programm an diesem Abend: Dem aktuellen Doppelalbum “Opposites” wird der meiste Raum zugestanden, aber auch der Song-Fundus der zuvor bereits erschienenen fünf Platten wird durchforstet. Eines haben die Longplayer allesamt gemein: Sie sprühen über vor einem Gespür für traumhafte Melodien, egal ob sie spartanisch verpackt daherkommen und auf Einfachheit setzen wie im Knaller-Hit “God & Satan” oder sich aus einem scheinbar chaotischen Gitarren-Donnerwetter hervorschälen wie in “Modern Magic Formula”.

“Accident Without Emergency” hat Folkloristisches im Blut und einen beneidenswerten Chorus. Biffy Clyros “Bohemian Rapsody” trägt den Namen “Living Is a Problem Because Everything Dies”, setzt sich aus verschiedenen Versatzstücken zusammen und brilliert mit vertrackter Struktur. “Biblical” mit seinem hymnischen Refrain steht stellvertretend für eine Band, die eigentlich zu groß ist für eine Hallenbühne: Sie dürstet nach Stadion.

“The Captain” beginnt brachial und geht in einen berechnend komponierten Refrain über, der mit Mitsing-Aufforderung und Oh-oh-Teil die gewünschte Wirkung beim Publikum nicht verfehlt. Bei “Bubbles” mutiert die Menge zu einem riesigen springenden Gummiball, der die Strapazierfähigkeit des Hallenbodens bis aufs Äußerste prüft. Wadenkrämpfe sind vorprogrammiert. Sänger Simon Neil dagegen wird es irgendwann mit seinem Rücken zu tun bekommen, so wie er es offensichtlich liebt, als Rumpelstilzchen herumzuhampeln.

Erstmals richtig sanft geht es bei den beiden Akustiknummern “The Rain” und “Folding Stars” zu, bei denen bis auf Neil alle Musiker eine Verschnaufpause bekommen, während der Sänger alleine im gleißenden Spot die Gitarrensaiten zupft und gemessen an der Zahl der Hobbyfilmer im Saal in den kommenden Tagen zum Youtube-Star avancieren dürfte.

“Black Chandelier”, das schon jetzt auf dem Weg ist, einmal ein Klassiker seines Genres zu werden, hat seinen Slot kurz vor Schluss. Da kann jeder mitsingen, ebenso wie bei “Opposite” und “Mountains” als Zugaben. Da ist sie noch einmal, diese wohlige Melodienwärme, ehe sich die Türen der Mitsubishi Electric Halle wieder öffnen und der steife Wind ins Innere bläst, während sich die Fans schweißnass und glücklich auf den nassen Asphalt drängen.

Rock im Pott / Gelsenkirchen / 18.08.2013

Weniger Zuschauer als im Vorjahr, ein undichtes Hallendach, Menschenschlangen wohin das Auge reicht – der Stimmung bei der zweiten Auflage des Ein-Tages-Festivals “Rock im Pott” in der Gelsenkirchener Veltins-Arena macht das keinen Abbruch. Kein Wunder: Der Opener Biffy Clyro hätte gut und gerne auch als Headliner durchgehen können.

Ein hochkarätiges Line-Up mit rund neun Stunden gibt es für die rund 27.500 Zuhörer im Schalker Fußballstadion. Sechs Bands mit ordentlich viel Rock und einer Prise Rap sind am Start. Die undankbare Rolle des Anheizers kommt den Schotten von Biffy Clyro zu. Das schottische Trio sorgt schon am frühen Nachmittag für abendfüllende Unterhaltung. Große Melodien gehören zu ihren Stärken. Das Markenzeichen: freie und ordentlich tätowierte Oberkörper, viel Energie und mitreißende Hymnen wie gemacht fürs große Stadion. “Captain” ist eine dieser Nummern mit heftigen Riffs und Mitgröl-Refrain. Oder aber “Black Chandelier”, der Hit aus dem aktuellen Album “Opposites” mit einem Refrain für die Ewigkeit. Simon Neil, bärtiger Sänger des Trios, ergibt sich am Ende an der Gitarre in wilde Verrenkungen, die Zuschauer sind aufgewärmt.

Kontrastreich geht es weiter mit den Deftones. Die Alternative-Metalband aus Sacramento nimmt’s mit den Harmonien nicht so genau, sondern wütet in disharmonischen Gefilden, mal zahm, aber zumeist mit einer gehörigen Portion Wut im Magen. Trägt Sänger Chino Moreno die Gitarre um die Schultern, hält er sich zurück. Alleine mit dem Mikro in der Hand tobt er ekstatisch umher und schreit sich die Seele aus dem Leib. Höhepunkt ist das kraftvoll balladeske “Change (In the House of Flies)”. Beim chaotischen “Root” gibt’s mal schrilles Geschrei, mal weinerlichen Gesang – und auch mal etwas, das sich nach Rap anhört.

Stichwort: Rap. Casper scheint auf Anhieb nicht so ganz ins Programm zu passen. Der Bielefelder Rapper erkennt das auch. “Wer findet’s zum Kotzen?” ruft er mit einem breiten Grinsen. “Wisst Ihr was? Ich auch.” Ist natürlich nur Spaß. Casper findet schnell einen Draht zu den harten Rockern auf Schalker Rasen. Im Rücken hat der 30-Jährige eine fünfköpfige Live-Band, die vor allem eines kann: rocken. Am Ende hatte er das Volk auf seiner Seite, und die Hände sind in der Luft bei Songs wie beim radiotauglichen “So perfekt”, dem vor Aggressivität strotzenden “Mittelfinger hoch” und dem wie die Faust aufs Auge passenden “Rock ‘n’ Roll”.

Tenacious D müssen sich gar nicht bemühen. Es reicht wenn die beiden Wonneproppen Jack Black, im zweiten Leben gut bezahlter Hollywood-Schauspieler, und Kyle Gass, ebenfalls Mime von Beruf, nur dastehen und die Augen rollen lassen. Dann tobt die Menge. Das Duo steht für Klamauk und Heavy Metal – mit Akustikgitarren. Vor allem aber nehmen die beiden kein Blatt vor den Mund, auch wenn ihre Comedy-Show sich bisweilen in babylonischer Sprachverwirrung ergeht. Ansonsten besingen Black und Gass – wenn sie nicht gegen einen Alien-Tintenfisch kämpfen oder mit einem Roboter, der den personifizierten Metal darstellt, Gitarre spielen – das Duell mit dem Teufel in “Beelzeboss (The Final Showdown)”, erzählen von der Flucht nach Hollywood in “Kickapoo” und präsentieren eine Hommage an den besten Rocksong aller Zeiten in “Tribut”, während im Bühnenhintergrund ein aufblasbarer Phoenix bedrohlich dreinblickt. Es ist kein Zufall, dass er einem männlichen Gemächt ähnelt.

Volbeat stammen aus Dänemark und haben sich ebenfalls dem Heavy Metal verschrieben – allerdings kommt das Quartett eine Stufe humorloser daher. Das neue Album “Outlaw Gentlemen & Shady Ladies” atmet Western-Atmosphäre und viele der Geschichten, die Sänger Michael Poulsen in Gelsenkirchen mit Inbrunst vorträgt, könnten geradewegs aus der Prärie stammen wie etwa “Doc Holliday” oder “Lola Montez”. Johnny Cashs “Ring of Fire” wird ebenso gecovert wie – untypisch für den Wilden Westen – Rammsteins “Keine Lust”.

Headliner des Tages sind System of a Down. Das letzte Album der kalifornischen Metaller stammt zwar aus dem Jahr 2005, eine Horde an Fans hat der Vierer aber dennoch dabei. Für die gibt es eine ganze Menge an Klassikern wie “Chop Suey!” oder “Toxicity” und viel Gelegenheit, die alten Texte aus den hintersten Gehirnecken hervorzukramen, um in den Refrains gesanglich einzusteigen. Daneben stellen die armenisch stämmigen Musiker um Sänger Serj Tankian viel Abwechslungsreichtum und Experimentierfreude unter Beweis: Folkloristisch geht es in “Radio/Video” zu, “Lost in Hollywood” ist eine schwere Ballade mit gebetsartigen Strophen und “A.D.D.” aus allerlei Versatzstücken zusammengesetzt, am Ende aber immer noch ein Thrasher. Im Publikum bricht gewolltes Chaos aus, Kamikaze-Tänzer sind unterwegs. Auch wenn die meisten Tribünen leer bleiben, entscheidend ist immer noch auf’m Platz. Da hatte Alfred Preißler recht.