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Pharrell Williams / Düsseldorf / 27.09.2014

DÜSSELDORF – Bombastisch könnte es werden – das lässt zumindest die riesige Bühne vermuten, die ultragroße Leinwand dahinter und die vier Treppen, die auf eine zweite Etage führen. Wer schon zum Einlass auf das Pharrell-Williams-Konzert im Düsseldorfer ISS-Dome gekommen ist, hat dreieinhalb Stunden lang Zeit, zu rätseln, welch imposante Show der 41-jährige Shooting Star in der Rheinmetropole abfeuern wird. Aber es kommt ganz anders.

Unter ekstatischem Geschrei tritt der scheinbar einem Jungbrunnen entstiegene Künstler um kurz nach zehn ins Scheinwerferlicht. Mit dem Riesenhut, den zerschlissenen Jeans und den roten Designer-Boots könnte er zuvor noch für Karl Lagerfeld über einen Pariser Laufsteg spaziert sein. Kein Wunder eigentlich, ist der Tausendsassa doch neben seinen Tätigkeiten als Sänger und Produzent auch als Designer tätig. Umsäumt wird er von den fünf Tänzerinnen der Combo “The Baes”, die schon zu Beginn eifrig übers Parkett fegen.

Und das ist dann schon das einzig glamouröse, spektakuläre, verrückte an diesem Abend. Pharrell Williams offenbart sich als bodenständiger und demütiger Typ, der ein wenig schüchtern und immer sympathisch ohne viel Tamtam durchs Programm reitet, dabei artig ins Publikum winkt und sich regelmäßig und tief vor seinen Fans verbeugt. Ihnen, so wird er nicht müde zu erzählen, habe er all seinen Erfolg zu verdanken – eine im Showbiz oft bediente Floskel, die man dem US-Amerikaner nur zu gerne abnimmt, obwohl er schwer mit Goldkettchen behangen durchaus das überhebliche Ghetto-Rapper-Klischee bedient.

Vor allem die Frauen haben es ihm angetan. Mit einem leichten Hang zur Penetranz propagiert er nimmermüde die holde Weiblichkeit und fordert die Damen dieser Welt auf, nicht gleichförmig und angepasst, sondern anders zu sein – um dann aber trotzdem die “Baes” so ihre Hintern wackeln zu lassen, dass den Männern im Rund ob des dargebotenen Befruchtungstanzes fast die Augen aus den Höhlen springen.

Schlüssig ist das mit seinem Feminismus nicht, genauso wenig wie das Konzept der Show. In mageren 80 Minuten rollt Pharrell Williams in der vollbesetzten Halle einen Flickenteppich vor seinen Fans aus, der zwar durchweg unterhält, dem es aber an Stringenz fehlt, einem roten Faden, der einen Spannungsbogen schlägt, der die Zuhörer in seinen Bann zieht und ihn am Schluss schweißgebadet und von Glücksgefühlen durchzuckt aus der Halle torkeln lässt.

Vielversprechend geht es los, funky mit “Come Get It Bae”, gefolgt von der cheesigen R&B-Nummer “Frontin’”. Spätestens beim Tanzflächen-Killer “Hunter” ist der Falsett-Fetischist bei den Bee Gees angekommen, während “Marylin Monroe” eine Ballade im dramatischen Uptempo-Gewand ist. Die Bühne bleibt aufgeräumt, die vierköpfige Band plus die beiden Background-Sängerinnen müssen reichen. Ein paar Lichter flimmern, und zum Ende gibt’s auch bunte Pixel-Männchen die über den Bildschirm hampeln.

Dann kommen ein paar Stücke, bei denen Williams als Produzent oder Mitmusiker unterstützend involviert war, Nellys “Hot in Herre” etwa, “Hollaback Girl” von Gwen Stefani oder “Blurred Lines” von Robin Thicke, das es im vergangenen Jahr nicht nur in Deutschland an die Spitze der Charts schaffte. “Das sind ein paar Nummern, mit denen ich zu tun hatte. Dank Euch konnte ich das machen. Jetzt will ich die Vergangenheit mit Euch teilen”, sagt er dazu und wühlt kurz darauf im angestaubten N.E.R.D.-Koffer, um aus der frühen Schaffenszeit seiner Funk-Rock-Combo “Rockstar”, “Lapdance” und “She Wants to Move” hervorzukramen. Dabei wird er von seinem rappenden Kumpanen Shay Haley unterstützt und von einer Horde zunächst männlicher, dann weiblicher Fans, die hinauf auf die Bühne und mittanzen dürfen, um sich abschließend Handschläge beziehungsweise Küsschen vom Star abzuholen.

Die beiden Songs, auf die alle gewartet haben, sind erst zum Schluss dran: “Get Lucky” vom französischen Elektro-Duo “Daft Punk”, dem Pharrell Williams seine Stimme spendiert, ist der Abschluss des regulären Sets. Kassenschlager “Happy” kommt als letzte Zugabe. Beide Songs hätten dem Set an früherer Stelle sicher gut getan. Heimlicher Höhepunkt und Sinnbild des Abends aber ist kurz vor Schluss das relaxte “Gust of Wind”. Wie die namensgebende Windböe ist Pharrell Williams’ Gig vorbeigerauscht, angenehm, aber ohne viel Eindruck zu hinterlassen. Ein netter Abend.

Biffy Clyro / Düsseldorf / 01.12.2013

Der 1. Advent bringt ungemütliches Wetter mit sich. Vor der Mitsubishi Electric Halle stehen die letzten Besucher in dicke Parkas gehüllt und warten auf Einlass. Die Raucher hüpfen währenddessen für eine Zigarettenlänge von einem Bein aufs andere. Drinnen ist es mollig warm. Dicht an dicht drängeln die Fans, um von ihren Helden Biffy Clyro, den Alternativ-Rockern der Stunde, möglichst viel zu erhaschen, und das Trio macht es wie eh und je: oberkörperfrei. Das gehört sich so bei den Schotten.

Damit da oben auf der Bühne vor Kälte auch keine Gänsehaut aufkommt, legt die Band von Beginn an los, als gelte es, lediglich ein paar Minuten unter Dauerbelastung auszuhalten und nicht rund 100 mehr. Jogi Löw würde ob der Konditionseinteilung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch, keine Sorge, Biffy Clyro wissen, was sie tun – allen voran Sänger Simon Neil, der Zottel mit dem Rauschebart, der optisch an den “Mann aus den Bergen” erinnert, von der Gemütlichkeit eines James Grizzly Adams aber meilenweit entfernt ist, wenn er Kung-Fu-Tritte vollführend, sich verbiegend und wild umherhüpfend an seinem Instrument in Ekstase schrammelt.

Die Fans wissen die Aufopferung der Band zu schätzen und wollen den Musikern in nichts nachstehen. Schon nach wenigen Minuten werden die ersten Anhänger auf Händen nach vorne Richtung Graben getragen, Klammotten werden durch die Luft geschleudert, und “Biffy-Clyro”-Sprechchöre gibt es nach jedem Song obendrauf. “Ihr seid fantastisch”, bedankt sich Simon Neil. Der 34-Jährige hat ein paar deutsche Sätze drauf. Das kommt gut an.

Ebenso wie das musikalische Programm an diesem Abend: Dem aktuellen Doppelalbum “Opposites” wird der meiste Raum zugestanden, aber auch der Song-Fundus der zuvor bereits erschienenen fünf Platten wird durchforstet. Eines haben die Longplayer allesamt gemein: Sie sprühen über vor einem Gespür für traumhafte Melodien, egal ob sie spartanisch verpackt daherkommen und auf Einfachheit setzen wie im Knaller-Hit “God & Satan” oder sich aus einem scheinbar chaotischen Gitarren-Donnerwetter hervorschälen wie in “Modern Magic Formula”.

“Accident Without Emergency” hat Folkloristisches im Blut und einen beneidenswerten Chorus. Biffy Clyros “Bohemian Rapsody” trägt den Namen “Living Is a Problem Because Everything Dies”, setzt sich aus verschiedenen Versatzstücken zusammen und brilliert mit vertrackter Struktur. “Biblical” mit seinem hymnischen Refrain steht stellvertretend für eine Band, die eigentlich zu groß ist für eine Hallenbühne: Sie dürstet nach Stadion.

“The Captain” beginnt brachial und geht in einen berechnend komponierten Refrain über, der mit Mitsing-Aufforderung und Oh-oh-Teil die gewünschte Wirkung beim Publikum nicht verfehlt. Bei “Bubbles” mutiert die Menge zu einem riesigen springenden Gummiball, der die Strapazierfähigkeit des Hallenbodens bis aufs Äußerste prüft. Wadenkrämpfe sind vorprogrammiert. Sänger Simon Neil dagegen wird es irgendwann mit seinem Rücken zu tun bekommen, so wie er es offensichtlich liebt, als Rumpelstilzchen herumzuhampeln.

Erstmals richtig sanft geht es bei den beiden Akustiknummern “The Rain” und “Folding Stars” zu, bei denen bis auf Neil alle Musiker eine Verschnaufpause bekommen, während der Sänger alleine im gleißenden Spot die Gitarrensaiten zupft und gemessen an der Zahl der Hobbyfilmer im Saal in den kommenden Tagen zum Youtube-Star avancieren dürfte.

“Black Chandelier”, das schon jetzt auf dem Weg ist, einmal ein Klassiker seines Genres zu werden, hat seinen Slot kurz vor Schluss. Da kann jeder mitsingen, ebenso wie bei “Opposite” und “Mountains” als Zugaben. Da ist sie noch einmal, diese wohlige Melodienwärme, ehe sich die Türen der Mitsubishi Electric Halle wieder öffnen und der steife Wind ins Innere bläst, während sich die Fans schweißnass und glücklich auf den nassen Asphalt drängen.

Elvis Costello / Düsseldorf / 21.07.2013

Die Düsseldorfer Tonhalle ist ein beeindruckendes Konzerthaus, der große Saal aber eine überschaubare Angelegenheit. Und dann kommt Elvis Costello, ein vielfach ausgezeichneter Musiker mit einer gehörigen Portion Weltruhm. Passt nicht? Passt wunderbar. So gut, dass es den Briten nicht nur auf der Bühne hält, sondern er bei heimeliger Atmosphäre sogar durch die bestuhlten Reihen schlendert.

Selten sind die Fans dem Sänger so nahe gewesen wie bei “She”. Charles Aznavours Klassiker läutet eine Phase der stillen Klänge ein. Bedächtig schreitet der Sänger begleitet vom Piano über die Bühne, dann verlässt er die kleine Auftrittsfläche, wandert durch die Halle und kokettiert mit den Damen. Costellos 1999er Version, die er für den Soundtrack der Komödie “Notting Hill” aufnahm, ist fester Bestandteil seiner Konzerte und sorgt für gebanntes Lauschen im Publikum.

Beim sich anschließenden “Almost Blue” vom 1982er Album “Imperial Bedroom” nimmt Costello gar auf einem freien Sitz Platz und singt zwischen schmachtenden Blicken weiter, schüttelt Hände und spaziert lächelnd nach vorne. Die folgende Programmgestaltung ist frei. “Steve, spiel was!” ruft Costello dem Keyboarder seiner Band, den Imposters, zu. Steve Nieve beginnt zu klimpern, und Elvis Costello dreht im Schmuseton beinahe noch eine Runde durch die Tonhalle.

Gar nicht bedächtig hat das Konzert zuvor begonnen: Feinen Rock liefert Costello mit “Everyday I Write a Book” ab, bei “Watching the Detectives” ist der Reggae-Grundton unverkennbar. “Poor Napoleon” steigert sich dramatisch, und “Green Shirt” wird von bedrohlich klingenden Trommeln begleitet. Und dann gibt’s auch noch eine Menge Blues und nicht weniger viel Rock n’ Roll. Ein feines Paket hat der 58-Jährige da geschnürt.

“Oliver’s Army” könnte ein Extrakt der 50er oder 60er Jahre sein und fühlt sich wie eine Roy-Orbison-Nummer mit etwas Buddy Holly an. Nach den ersten Klängen gibt es Szenenapplaus. Auf die Nummer, die erfolgreichste in Costellos Karriere, scheinen die meisten Zuhörer gewartet zu haben. Der Einstieg riecht stark nach Piano-Ballade, dann aber entwickelt sich der Song schön schmissig.

Zurückhaltend gehen Costello und seine drei Bandmitglieder bei “I Want You” zu Werke, dann dringt der schwere Blues durch, ehe Costello mit roboterhaften Bewegungen in ein Gitarrensolo übergeht und zeigt, wie beanspruchbar der Vibratohebel an seinem Instrument ist. Zum Ende der über zehnminütigen Version kommt das ekstatische Pianospiel von Steve Nieve dazu. Ein grandioser Abschluss des regulären Sets. Die Zuhörer stehen mittlerweile, und das tun sie noch lange.

Denn Costello macht keine Anstalten, das Konzert zu beenden. Nach kurzer Verschnaufpause kommt er für weitere neun Songs zurück auf die Bühne – und läuft zur Höchstform auf. Countrylastig gestalten sich die ersten Nummern. Costello mit umgeschnallter Akustikgitarre beginnt mit “A Slow Drag With Josephine” und entführt in die amerikanischen Südstaaten des frühen 20. Jahrhunderts. “Suit of Lights” ist stilsicherer Country-Rock, “Jimmie Standing in the Rain” versprüht Liedermacher-Qualität.

Groß ist die Freude der Fans schließlich bei “Alison” vom 1977er Debütalbum “My Aim Is True”. Die Ballade lädt zum Mitsingen ein, und genau das machen die Zuhörer beim Refrain ganz gefühlvoll. Ein schöner Moment.

Depeche Mode / Düsseldorf / 03.07.2013

Rund 89.000 Zuhörer bei zwei Konzerten in der Düsseldorfer Esprit-Arena sind eine Marke. Aber Depeche Mode haben längst den Platz ganz oben im Fach der elektronischen Musik eingenommen. Das, was sie in ihrer 34-jährigen Karriere an Strömungen in sich aufgesogen und geprägt haben – New Wave, Synthpop, Industrial Rock – zeigt der Querschnitt ihres Schaffens auf der aktuellen Tour. Gleichbleibend ist dabei nahezu immer der dunkel gefärbte Touch der Nummern und ein ausgeprägtes Faible für Moll.

Ganz gegensätzlich zu den Stimmungen, die ihre Songs verbreiten, zeigt sich Sänger Dave Gahan in Düsseldorf. Er ist gut drauf, lacht aus seinen schwarz geschminkten Augen. Er tanzt ausgelassen, lässt unter einem Aufschrei die Hüften kreisen und stemmt den Mikrofonständer wie ein Gewichtheber in die Höhe.

Der üppig tätowierte Sänger trägt am Oberkörper nur eine Weste. Hin und wieder lüftet er sie, und die Damen im dichtgedrängten Pulk vor der Bühne verhalten sich, als seien die Chippendales im Anmarsch. Der 51-Jährige genießt das: Er heult wie ein Wolf zum stoischen und mit Effekten verzerrten “Should Be Higher” von der aktuellen Platte “Delta Machine”.

Die Nummern des insgesamt 13. Studioalbums der Briten stehen im Vordergrund, natürlich auch die erste Single “Heaven”. Äußerst tanzbar und mit Ohrwurm-Refrain kommt “Soothe My Soul” daher. Geradezu hypnotisch kriecht “Secret to the End” voran, während Depeche Mode zum Abschluss des regulären Sets mit “Goodbye” ihr ganz eigenes “You’ll Never Walk Alone” vorstellen.

Aber auch an Klassikern wird nicht gespart – und das ganz im Sinne der Fans, die die Hits schon mit jedem ersten Ton bejubeln. Da wäre etwa “Barrel of a Gun”, das mit archaisch klingenden Geräuschen beginnt, unter Flackerlicht in einen schweren Rhythmus übergeht und erst im Refrain richtig melodiös wird. “Personal Jesus” startet mit einem nach staubigem Western klingenden Gitarrenintro, Gahan steht mit ausgestreckten Armen da, als sei er soeben gekreuzigt worden, dann setzt der hämmernde Rhythmus ein, und auf den Tribünen sitzt niemand mehr. Der Sänger vollführt Pirouetten.

Wenig überraschend, aber die absolute Partynummer des Abends ist “Can’t Get Enough”, ein Song, der in keiner 80er-Jahre-Disco fehlt. Da steht die Halle Kopf, ebenso wie beim sphärisch startenden “Enjoy the Silence”. Keine zehn Sekunden und die Handykameras sind gezückt. Die Fans übernehmen den Gesang, Gahan braucht nach anderthalb Minuten stimmlich nichts mehr zu leisten. Andy Fletcher, der die meiste Zeit ungerührt wie ein Roboter hinter seinen Synthesizern ausgeharrt hat, beginnt ausgelassen zu klatschen. Und auch Martin Gore spaziert auf der Bühne umher.

Der eigentliche Kopf hinter den meisten Depeche-Mode-Songs steht zwar auch am Bühnenrand, überlässt aber Gahan die Show, während er selbst zwischen Keyboard- und Gitarrenspiel pendelt. Dreimal tritt aber auch der 51-Jährige Blondschopf mit den schwarz lackierten Fingernägeln ans Mikro. Mit deutlich hellerem Timbre als Dave Gahan singt er zu anfangs spärlicher Gitarrenbegleitung “Higher Love”, gleich danach die Ballade “Judas”, bei der Gore über den Steg schleicht und die letzten Worte nur noch flüstert, sowie die erste Zugabe, das vom Klavier begleitete “Home”.

Neben dem zweiten Auftritt in Düsseldorf am heutigen Freitag kommen Depeche Mode auf ihrer Tour übrigens noch einmal nach NRW: Für den 21. November hat die Band ein Zusatzkonzert in der Kölner Lanxess-Arena bestätigt, am 5. Dezember spielt sie in der Arena in Oberhausen.

PINK / DÜSSELDORF / 06.05.2013

Wer Popsängerin Pink bei ihrer “The Truth About Love”-Tour im ausverkauften Düsseldorfer ISS-Dome besucht und ein einfaches Konzert erwartet hat, wird sich verwundert die Augen gerieben haben. Pink, ihre Tänzer sowie die insgesamt siebenköpfige Band machen gleich zu Beginn keinen Hehl daraus, was die Zuhörer erwartet: ein wahnwitziger Mix aus Varieté und Stuntshow. Ach ja, und auch Musik.

Der Auftritt startet mit einem großen Knall. Die wandelbare Sängerin, diesmal mit blonder Kakadu-Frisur, schleudert befestigt an zwei Gummiseilen zehn Meter in der Luft wie ein Flummi auf und ab, schlägt dabei Purzelbäume und vollführt Pirouetten. Und all das, während sie “Raise Your Glass” singt. Das Publikum ist aus dem Häuschen und fragt sich, wie sie das macht, ohne stimmlich abzugleiten.

Unten auf der Bühne liefern Tänzerinnen in Strapsen und später halbnackte Männer choreografierte Einlagen ab, räkeln sich an Plastiklaternen und rennen die Showtreppe auf und ab. Gleichzeitig blinkt und leuchtet es allerorts, flimmern bunte Filmchen aus dem Spiegelkabinett im Hintergrund. Die völlige Reizüberflutung.

Einher geht diese mit einer Menge an Ideenreichtum und viel Abwechslung: “Bei “U + Ur Hand” sucht Pink engumschlungen mit zwei Tänzern gierig nach Körperkontakt. Beim Ohrwurm “How Come You’re Not Here” treibt eine Pixel-Straps-Pink mit Fleischermesser in einem 80er-Jahre-Videospiel ihr Unwesen, während die US-Amerikanerin mit ihrer Tanz-Crew über den geschwungenen Bühnensteg in die Halle marschiert und ausgelassen feiert. Zum rockigen “Are We All We Are” versucht sich die Sängerin als Kurzzeit-Drummerin, “The Great Escape” spielt sie an einem weißen Flügel. Sie habe alle Billy-Joel-Videos gesehen, sagt Pink und wisse, wie man an diesem Instrument richtig sitze, scherzt sie und zeigt ihre gesangliche Stärke.

Mit “Wicked Game” hat die als Alecia Beth Moore geborene Künstlerin auch ein Cover ins Set aufgenommen. Leider kommt die lahme Interpretation nicht an das fiebrige Original von Chris Isaac heran. Andere in balladeske Kleider gehüllte Songs sind weitaus stärker: Bei “Try” baumelt Pink wieder in der Gummiseil-Konstruktion und zwirbelt um die eigene Achse, bevor sie mit männlicher Unterstützung am Boden Kunstturnübungen vorführt, die eine ordentliche Portion Körperkontrolle abverlangen.

Dazwischen gibt sich die 33-jährige Musikerin immer wieder publikumsnah, etwa wenn sie über den Boden rollt und nach den ihr entgegengestreckten Händen greift, einem kleinen Mädchen auf elterlichen Schultern Drumsticks schenkt und sich Zeit für einen Plausch nimmt.

Wie es sich für einen weiblichen Popstar üblich ist, gehören auch zahlreiche Kostümwechsel zum guten Ton. Pink schlüpft in mehr als ein halbes Dutzend unterschiedliche Stoffstücke, von denen die meisten nur die empfindlichsten Körperstellen verdecken.

Neben der omnipräsenten Sängerin gibt es einen immer wiederkehrenden und essentiellen Bestandteil der Show, den Clown Rubix von Füchenhürtz. Noch vor Konzertbeginn turnt er über die Tribünen der Arena und treibt dort seinen Schabernack mit den Besuchern. Auf der Bühne dann tritt er als Teufel auf, der sexuelle Zügellosigkeit propagiert, während er sich an einer Tänzerin reibt. Ein anderes Mal steigt er in Windeln gepackt und mit umgeschnallten Federn bestückt empor und gibt begleitet von träumerischen Klavierklängen den Eros.

Egal in welcher Verkleidung, Rubix wird nicht müde zu erklären, worum es an diesem Abend geht: die Liebe. Und die kann – wie in Düsseldorf eindrucksvoll bewiesen – ganz viele Gesichter haben.

LANA DEL REY / DÜSSELDORF / 17.04.2013

Lana de Rey ist von Beruf nicht nur Sängerin und Songwriterin, sondern übt sich auch in der Schauspielerei: Beim Konzert in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle räkelt sie sich lasziv, schlägt die mit falschen Wimpern behafteten Augen schüchtern schmachtend auf und haucht und seufzt die Worte mehr als dass sie sie singt ins Mikrofon.

Wie die personifizierte Unschuld erscheint Del Rey, die mit bürgerlichem Namen Elizabeth Woolridge Grant heißt, vor ihren Zuhörern: Mit dem kurzen weißen Kleid und den Blüten im Haar versprüht sie Naiv-Mädchenhaftes. Das ändert sich, wenn die 26-Jährige mit ihrer hypnotischen und bisweilen verrucht klingenden Stimme zu singen beginnt.

Man könnte sich die Dame sehr gut als Femme Fatale in einem Film Noir vorstellen. Vielleicht ist das der Grund, warum das Bühnensetting optisch auch einem Streifen wie “Gangster in Key Largo” gut zu Gesicht gestanden hätte: In schummrigem Licht erhellte Palmen stehen da, daneben Sträucher und andere Pflanzen. Schwere Kerzenständer sind aufgebaut, ebenso eine Löwen-Statue. Im Hintergrund ragt eine Säule ins Bild. Fast alles ist in Goldtönen gehalten und könnte auch den 50er Jahren entsprungen sein.

Bebildert werden die Songs von den großen Leinwänden im Hintergrund. Bei “American” sind es Homevideos und Werbespots aus der Nachkriegszeit, bei “Burning Desire” pumpendes Blut und brennende Herzen. Nur die allzu oft eingeblendete, patriotisch dahinwehende amerikanische Fahne ist ein wenig penetrant.

So gut die Bühnenoptik in Kombination mit Del Reys Auftreten und den soulig-jazzig düsteren Songs funktioniert, die Atmosphäre will sich nicht bis auf die Tribünen am Ende der Halle ausbreiten. Das liegt zum einen an den kreischenden, zumeist weiblichen Fans an der Bühnenabsperrung. Zum anderen wäre bei diesem Konzert eine Komplettbestuhlung des Saals angemessener gewesen.

Aber auch Del Rey kann ihrem Image als unnahbare Lolita nicht lange standhalten und wird ganz schnell zur freundlich lächelnden jungen Sängerin, die ganz bei ihren Fans sein will. Gleich beim ersten Song, “Cola”, schreitet sie die Stufen der Bühne hinab und schreibt da unten im dunklen Gang zwischen Sicherheitsleuten und Absperrgittern fleißig Autogramme. Das wiederholt sie hin und wieder, spielt dabei mit ihrem Image und sorgt dafür, dass die Fans in den hinteren Reihen nach ihr suchen müssen.

Sobald die gebürtige New Yorkerin zurück auf der Bühne ist, wirkt sie gleich wieder unterkühlt, steht bisweilen fast regungslos am Mikrofon und reiht ohne viel Tamtam ihre Song aneinander. Neben den bekannten Singles aus dem Erfolgsalbum “Born to Die” wie “Summertime Sadness” und “Video Games” gehören auch Cover von “Blue Velvet” und “Knockin’ on Heaven’s Door” zum Programm.

Unterstützt wird die Sängerin von einer sehr gut aufspielenden Band. Neben Gitarre, Bass und Schlagzeug kommen unter anderem auch Klavier, Kontrabass und ein Streicher-Trio zum Einsatz, die den Stücken einen orchestral erhabenen Charakter verleihen. Vor allem beim größten Hit “Video Games” und dem abschließenden “National Anthem” erhalten die Songs eine hymnische Note.

Nach rund 75 Minuten schon ist Lana del Rey mit ihrem Programm durch. Kein Wunder: Viel mehr Material, das die Fans hätten kennen können, hat die 26-jährige noch nicht in petto. Ein wenig mehr wäre aber noch dagewesen. Stattdessen macht Lana del Rey, was ein eigentlich unkomplizierter Star so macht: ihren Namen auf Eintrittskarten kritzeln, Fotos mit Fans schießen und Hände abklatschen.