Schlagwort-Archiv: 2012

BROILERS / DÜSSELDORF / 14.12.2012

Broilers für den Deutschunterricht: Das könnte die Forderung ans Schulministerium sein, nachdem die Punk-Band ihren Tour-Abschluss mit zwei Konzerten in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle gefeiert hat. Denn wenn sich anderswo Schüler beim Auswendiglernen von Goethe-und Schiller-Gedichten quälen, singen die Fans an einem Abend rund zweieinhalb Stunden lang ausnahmslos jeden Broilers-Song mit – ohne Spickzettel.

Für die Broilers ist der erste Düsseldorf-Termin ein besonderer Abend: „Irgendwie ist das der Freitag, auf den wir seit unserer Kindheit gewartet haben“, gesteht Frontmann Sammy Amara. Wie es sich für den feierlichen Abschluss der Tour gehört, steht er im feinen Zwirn auf der Bühne, lässt das Jackett aber nicht lange an. Denn es gibt viel zu tun: Eine ganze Latte an Songs steht auf der Setlist – 32 insgesamt, die zum Mitgrölen einladen und vom ersten Augenblick an für ausgelassenen Pogo im Pit sorgen. Da fliegen Kleidungsstücke und Bierbecher durch die Gegend. Und schnell sind die ersten Crowdsurfer unterwegs auf ihrer Reise Richtung Bühne.

Ihren Punk durchsetzen die Broilers gerne mit Ska- Beats und Reggae-Rhythmen, und auch die eine oder andere Ballade mogelt sich ins Programm. Die Akustikgitarre wird aber erst bei „Wie weit wir gehen“, dem letzten Stück des regulären Sets, hervorgeholt. Zuvor gibt es bei „Weckt die Toten auf“ klimpernde Keyboards und den beliebten Oh-oh-Refrain, mit „LoFi“ die Orgel-unterstützte Ska-Ode an die Punk-Gemeinschaft und die rumpelnde, durch eine Police- Academy-Szene inspirierte Blödelnummer „Blaue Auster“, in der sich alles um die Liebe zu einem Mädchen dreht, das eigentlich ein Junge ist.

Nicht nur an solchen Stellen merkt man, wie sympathisch unprofessionell die Broilers sind. Dafür, dass der Vorhang zu Beginn nicht recht zu Boden fallen will, können die Fünf natürlich nichts, das Missgeschick steht aber für eine Reihe kleiner Pannen, die augenzwinkernd hingenommen werden und irgendwie dazugehören. Da wird sich verspielt, der Text vergessen, läuft man sich beinahe gegenseitig über den Haufen – Sammy Amara kommentiert es mit Mittelfingern und der rhetorischen Frage: „Die Broilers und professionell?“

Die treue Fan-Schar, die, wie sich bei einer kleinen Fragerunde herausstellt, aus der ganzen Republik angereist ist, hat ihren Spaß. Viele Besucher sehen die Band zum ersten Mal. Spätestens seit ihrem aktuellen Album „Santa Muerte“ ist den fünf Düsseldorfern, die schon seit langem in der Oi!-Szene unterwegs sind, der große Durchbruch gelungen. Wenig verwunderlich also, dass das Publikum bunt durchmischt ist.

Auch jene, die weiter hinten stehen, kommen den Broilers an diesem Abend nahe. Für die Zugabe verlassen Amara, Bassistin Ines Smentkowski, Gitarrist Ron Hübner, Schlagzeuger Andi Brügge und Keyboarder Chris Kubczak die Bühne und finden sich in der Hallenmitte auf ein paar Quadratmetern am Mischpult ein, umringt von ihren Fans. Da wird die große Halle plötzlich zu einem heimeligen Ort, wenn mit „Singe, seufze, saufe“ ruhige Töne angeschlagen werden.

THE BLACK KEYS / DÜSSELDORF / 05.12.2012

Bei Rockkonzerten geht es nicht anders zu als im Fußballstadion. Männer, die sich eigentlich vehement wehren, auch nur einen Ton zu singen, beginnen aus vollen Kehlen zu grölen, wenn sie in Stimmung kommen. Beim Auftritt der Black Keys in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle ist das nicht anders. Schließlich hat das US-amerikanische Blues-Rock-Duo eine Menge eingängiger Refrains im Gepäck. Das lockert die Zunge.

Zu Werke gehen Sänger und Gitarrist Dan Auerbach sowie Schlagzeuger Patrick Carney ohne viel Firlefanz: Es gibt keine große Show, nur spärliche Ansagen und wenig Bewegung auf der Bühne – die beiden Musiker konzentrieren sich auf ihre Songs. Und die Spielfreude ist deutlich spür- und sichtbar, wenn sich etwa der hornbebrillte Carney in die Drums presst und Auerbach im Saitenkampf mit seinem Instrument liegt. Ihr überbordendes Maß an Kreativität und ein ausgesprochenes Gespür für knallige Riffs garantieren einen Abend voller treibender Energie.

„Gold on the Ceiling“ ist eine der vielen Nummern, die sich bei den Fans ins Gehirn gefräst hat. Begleitet wird der nach vorne drängende Refrain von vorbeirauschenden Landschaften in einem Schwarz-Weiß-Film. Das locker flockige „Ten Cent Pistol“ über die Rache eines gehörnten und eifersüchtigen Mädchens reiht sich ein und wird von Auerbach mit einer Menge Soul in der Stimme dargeboten. Das rhythmische Klatschen geht den Zuhörern automatisch von den Händen.

Beschwingt schreitet die Liebeserklärung „Girl Is on My Mind“ zwischen grellen Spots voran, bricht schließlich gewaltig aus, um im Anschluss wieder lässig zu Die Black Keys begeistern kurz in Düsseldorf grooven und mit einem ausgiebigen Gitarren-Solo zu beschließen. Das zweiteilige „Little Black Submarines“ beginnt mit mexikanischen Gitarrenklängen, bleibt zwei Minuten lang akustisch und sorgt für den ersten großen Handy-Zück-Moment des Abends. Dan Auerbach, nur von einigen Spots beleuchtet, singt herzergreifend, das Publikum lauscht gebannt. Dann schöpfen Sänger und Schlagzeuger, begleitet von den Tour-Musikern Gus Seyffert (Bass) und John Wood (Gitarre, Keyboard), wieder aus den Vollen und verwandeln den Song in einen wahnwitzig stampfenden Blues-Ritt.

Bei „Money Maker“ und „Strange Times“ ist das Duo ganz alleine auf der Bühne. Dabei gelingt es den beiden Grammy-Gewinnern mit handwerklichem Geschick einen besonders vollen Klang zu erzeugen, als ob sie da oben noch einen Haufen Gastmusiker um sich scharten. Zur Hilfe kommt ihnen dabei auch der auffällig klare und gute Sound der Düsseldorfer Konzerthalle, den man in der Landeshauptstadt auch schon ganz anders erlebte.

Emsiges Pfeifen aus Auerbachs gespitzten Lippen kündigt „Lonely Boy“ an, die erste Singleauskopplung des aktuellen, bereits siebten Albums der Band. Tosender Beifall mischt sich darunter, auch der Männerchor ist wieder aktiv. Die großen Hits kommen zum Schluss des mit rund 80 Minuten recht kurzen Konzerts. Wie auch „Everlasting Light“ als Zugabe, das von Auerbach in überhöhter Stimmlage und begleitet von konträr eingesetzten schweren Riffs vorgetragen wird, während eine große Disco-Kugel vom Hallendach gelassen wird und das Rund in hellen Lichterglanz hüllt. So etwas sucht man im Fußballstadion vergeblich. Da allerdings dauern die Spiele mindestens 90 Minuten.

The Maccabbees / Düsseldorf / 05.12.2012

The Maccabbees / Düsseldorf / 05.12.2012

The XX / KÖLN / 04.12.2012

Es ist schon erstaunlich: “The xx” bringen nicht gerade die besten Voraussetzungen mit, um in der rauen Musikwelt bestehen zu können. Das Indie-Trio aus London ist scheu und schüchtern, wirkt bisweilen ein wenig verschroben und spielt mit minimalistischer Präzision träumerische Melodien gleichsam voller Trauer und Schönheit. Und dennoch verkaufen sich die Platten der Briten millionenfach, Konzerte sind zum Teil schon Wochen im voraus ausverkauft. Auch so das Kölner Palladium, wo die Band auf ihrer Tour Station macht.

In der schlauchartigen Halle ist kaum mehr ein Durchkommen, als Sängerin Romy Madley Croft, Bassist Oliver Sim und Jamie Smith an der Drum Machine – allesamt Anfang 20 – die ersten Töne von “Angels” anspielen. Zerbrechlich und filigran, gleichsam aber voller versteckter Energie klingt auch die erste Single des aktuellen, zweiten Albums des Band, “Coexist”. Mit ihrem speziellen Sound, dieser bandeigenen Mischung aus Electro-Beats und harten Bässen, den flirrenden Gitarren und den gegensätzlichen, sich aber wunderbar ergänzenden Stimmlagen des Gesangsduos Croft/Sim braucht noch nicht einmal der halbdurchsichtige Vorhang gefallen zu sein, und tosender Jubel brandet auf.

Dabei sind die jungen, schwarz gekleideten Londoner nicht sonderlich zuschauernah. Sie blicken kaum vom Boden auf, sprechen nur wenig mit den Fans. Ansagen werden vergebens gesucht. Stattdessen hüllt sich die puristische Bühne in nebelige Dunkelheit, blinzeln nur spärlich Spots auf. Zwischendurch flackern gezielt eingesetzte Lichter umher und verströmen eine mystische Aura schemenhafter Schatten.

Rund siebzig Minuten gibt sich das Trio Zeit, einen Querschnitt ihrer Platten zu präsentieren. Thematisch bleiben sich Croft und Co. dabei stets treu, drehen sich ihre Texte doch um die große Kiste Liebe. Da wird das Ende einer Beziehung überdacht (“Missing”), das Chaos der Gefühle besungen (“Reunion”) und das Gefühl von Fremdheit einem wohl bekannten Menschen gegenüber beschrieben (“Sunset”). Immer wieder spiegeln sich Bilder von Ungewissheit, Unvermögen und Versagensängsten ab. Gute Laune hat da wenig Platz.

Und so sind auch die Annäherungen Sims an Croft, der immer wieder auf die Sängerin zugeht, ganz nah an sie tritt und sich wieder von ihr windet, mehr Kampf als Balztanz. Genauso wie der Umgang mit seinem Instrument, das Sim trägt, als sei es das Sperrigste der Welt, während er in großen und langsamen Ausfallschritten umherstreift, ziellos, aber gleichsam elegant.

Im Gesang kommen sich Croft und Sim schließlich ganz nah, wenn sie in Stücken wie “VCR” oder “Stars” die Zeilen teilen. Dann stehen die Zuschauer still und gebannt da und lauschen den elegisch vorgetragenen Worten. Und bei Songs wie “Swept Away” mit seinen Faithless-Anleihen, “Islands”, bei dem das Publikum zum Chor wird, und dem Höhepunkt des Abends, dem hymnischen “Infinity” mit 80er-Jahre-Touch und dramatischer Steigerung zum Schluss, ist klar, wie “The xx” in die Indie-Discos stürmen konnten.

LIONEL RICHIE / OBERHAUSEN / 01.12.2012

Lionel Richie ist als umtriebiger Musiker bekannt, medial präsent und gerne auf Tour, wenn auch seine großen Solo-Erfolge rund 30 Jahre zurückliegen. Anlass für seine Tuskegee-Konzertreise ist das zehnte Studioalbum des US-Sängers. Darauf interpretiert und arrangiert er seine größten Erfolge neu. Deshalb ist die Show in der Oberhausener Arena auch so etwas wie ein Best-Of des 63-Jährigen.

Richie ist gut drauf und sympathisch, wie man ihn kennt. Auch das Publikum vergisst schnell die halbstündige Verspätung, die sie zuvor mit Pfiffen kommentiert hat. Beste Voraussetzungen also für eine rund zweistündige Zeitreise zum Funk der Commodores und Richies Pop-Meisterwerken der 80er und 90er Jahre.

Anfangs allerdings ist dem Sänger die Arena noch zu still. „Bin ich der einzige, der schwitzt? Das gefällt mir nicht. Ich will, dass heute Abend alle erschöpft sind!“ fordert Richie zu Beginn mit breitem Lächeln. Und tatsächlich: Als ihm nach wenigen Minuten dicke Schweißperlen über die Wangen rinnen, sitzen viele der rund 10.000 Zuhörer noch brav im bestuhlten Rund. Nach einer kurzen Anlaufphase ändert sich dass aber schnell. Und als Richie begleitet von seiner fünfköpfigen Live-Band die Luftgitarre auspackt, werden zwischen den Stuhlreihen ausgelassen alte Tanzschritte neu ausprobiert. „Ich habe seit 1984 niemanden mehr so tanzen gesehen“, gesteht Richie schließlich und imitiert das Armeschwingen seiner Fans und sogar das Brüstehüpfen des weiblichen Besuchs. „Oh, mein Gott“, stottert er.

Schüchtern ist der Sänger nicht. Er nützt seine Show auch, um sein Können als Lionel Richie gastiert in Oberhausen Stand-Up-Comedian vorzuführen, scheint es. Er wolle so viele Songs spielen, wie ihm einfallen, verkündet er zu Beginn. Allerdings seien das nicht mehr so viele. Als würde es bei der Rekapitulation seines musikalischen Schaffens helfen, lässt er sich am Klavier sitzend Schampus bringen und gesteht nach einigen Songs und mehrmaligem Nippen: „Am Ende der Show werde ich mich nicht mehr an die Show erinnern. Aber ihr wart wundervoll, während ich hier war.“

Einen Song kündet er wie einen Running Gag schon vom Start weg immer wieder an, wenn er in seinen Ansprachen die drei Worte „All Night Long“ erwähnt. Allerdings müssen sich die Zuhörer bis zum Schluss gedulden. Dann singt Richie seinen 83er Charts-Hit – mit einer Extra-Portion Elan. Zuvor schon hat der Entertainer tief in seinen Song-Fundus gegriffen. Die Commodores- Klassiker „Three Times a Lady“ und „Easy“ zum Beispiel, „My Destiny“, „Say You, Say Me“ und selbstverständlich „Hello”. Im Medley bestehend aus „Sail On”, „Fancy Dancer“, „Sweet Love“ und „Lady (You Bring Me Up)“ sorgt Richie für die geballte Funk-Ladung der Commodores, zu deren Gründungsmitgliedern er 1968 gehörte.

Ein Überraschungsgast stößt bei „Angel“ zu Lionel Richie. Schlagersängerin Andrea Berg – beide haben sich im ZDF-Abendprogramm kennengelernt – unterstützt den Sänger beim Duett, das vom Schlager-Genre gar nicht so weit entfernt ist, mit beeindruckend stimmlicher Leistung. Diana Ross konnte er nicht zu einer Reise nach Oberhausen überzeugen. Deswegen übernahmen die Damen im Saal ihren Gesangspart in „Endless Love“. Ein Schmankerl beim entspannten Nostalgie-Abend in Oberhausen.

SEEED / OBERHAUSEN / 24.11.2012

Es gibt Bands, die sind für die große Bühne geschaffen. Bei den Berliner Jungs von Seeed trifft das nicht nur in musikalischer Hinsicht zu, sondern hat nebenbei auch logistische Gründe. Elf ruhelose Musiker auf eine Club-Bühne zu packen, kann ganz schön eng werden. Beim Auftritt in der vollbesetzten Oberhausener Arena hat die Reggae- und Dancehall-Combo allerdings genug Platz für ausschweifende Tanzeinlagen und Choreografien – und nutzt das gnadenlos aus.

Wer auf ein Seeed-Konzert geht, braucht vor allem eines: Kondition. Und Peter Fox, neben Boundzound und Dellé einer der drei Frontmänner, gibt auch gleich die Marschrichtung vor: „Morgen ist ein freier Tag. Wir haben gute Laune und geben alles!“ Besonders schwer haben es die Berliner allerdings nicht. In Oberhausen treffen sie auf ein durchweg enthusiastisches Publikum mit unbändigem Tanzwillen – das hat die Arena selten gesehen und verlangt der Band vollen Körpereinsatz ab.

Die Musiker manövrieren sich mit professionellen Fingerfertigkeiten durch ein abwechslungsreiches Set. Über Genre-Grenzen fliegen Seeed rücksichtslos hinweg und mischen ihren Reggae-Mutterboden mit harten Rock-Riffs, mit Trompeten und Saxophon unterlegtem Blues und auch mit Danceund Techno-Elementen. Da wird relaxt gegroovt in „Walk Upright“, ordentlich gescratcht in „Music Monks“ mit seinen spacigen Computertönen und in „Beautiful“ fleißig an der Ohrwurm-Schraube gedreht. Die Mischung stimmt. Nicht zuletzt, weil sich ältere Nummern wie „Release“ (2003) und „Ding“ (2005) immer wieder mit Material vom soeben erschienen vierten Album der Band, das sich nahtlos ins Schaffen der Berliner Elf einreiht, abwechselt.

„Augenbling“ ist eine der neuen Nummern mit eindeutiger Aufforderung zum Hüftkreisen und Armeschwingen. Schlechte Laune hat bei Seeed keine Chance. Ein wenig Augenklimpern und schon ist alle Trübsal vergessen. Die uneingeschränkt positive Grundstimmung der Seeed-Songs schwappt in Windeseile aufs Publikum über. Da geht es zum Beispiel um Berlin, Seeeds Heimat. Wie etwa im ersten großen Hit der Band, „Dickes B“, einer Liebeserklärung an die deutsche Party-Hauptstadt. Oder aber in „Schwarz zu Blau“, einer ursprünglichen Peter- Fox-Solonummer, die die Metropole „von der dunklen Seite des Mondes betrachtet“, ihr aber auch in der von Sonderlingen und Dreck beherrschten Nacht eine ganz eigene Schönheit abgewinnt.

Aus dem 2008 erschienenen Soloalbum des 41-jährigen Fox bedient sich die Band gerne, macht aus Liedern wie „Alles neu“ und „Schüttel deinen Speck“ aber ganz eigene Seeed-Versionen. Aus letzterem erwächst ein Tanz-Wettkampf dreier Zuschauerinnen, die auf der Bühne ihr Können zeigen sollen. Die Zuschauer stimmen ab – und können sich nicht entscheiden. Das war nicht übel. Am Ende gibt es zwei Siegerinnen, ein Trompeten-Solo als Dank und T-Shirts zur Erinnerung.

Musikalischer Höhepunkt des Abends ist allerdings das mit seinem pumpenden Electro-Beat an Deichkind erinnernde „Seeeds Haus“. Die Musiker legen die Instrumente beiseite und werden zu Animateuren, um den Fans einzuheizen. Die Begeisterung erreicht ihren Höhepunkt. „Der Ruhrpott ist leer, das Einkaufszentrum ist zu. Alle sind hier!“ stellt Peter Fox fest.

RADIOHEAD / KÖLN / 15.10.2012

Kaum eine andere Band hat in ihrer Karriere einen derartigen musikalischen Wandel vollzogen wie Radiohead: Vom Alternative Rock der frühen Jahre ist kaum etwas übrig geblieben. Stattdessen haben sich die fünf Briten in ihrer Musik aller gewohnten Songstrukturen entsagt und rücksichtslos Genre-Grenzen aufgelöst. Was da beim Konzert in der Kölner Lanxess-Arena aus den Boxen wummert, zirpt und quietscht, ist nichts für zwischendurch. Zeit ist gefragt. Rund zweieinhalb Stunden, um genau zu sein. Das reicht für das Bild einer beeindruckenden Verschmelzung von Klängen und Lichtern. Und für die Gewissheit, weit mehr erlebt zu haben, als ein gewöhnliches Konzert.

11.000 Zuhörer in der Arena empfangen die britischen Musiker stürmisch. Der Stilwechsel zur Stilfreiheit ist dem Oxford-Quintett um Sänger Thom Yorke schon vor Jahren gelungen. Wer mit „Pablo Honey“ aufgewachsen ist, wird diesen Radiohead nicht sonderlich viel abgewinnen können. Zuhören, wirken lassen, hineinfinden – das lohnt sich dennoch. Sphärische Melodien vereinen sich mit elegischem Gesang. Dazwischen brettert ein knallharter Gitarrenausbruch, wummern dumpfe Beats und Bässe in treibenden Rhythmen. Dubstep trifft auf Avantgarde, Art-Rock auf fast schon technohafte Elemente. Gitarren und Synthesizer ringen miteinander. Wild zuckende Lichter und Effekte auf den Videoleinwänden, die wie an Marionettenfäden bedrohlich über der Bühne schweben und sich bewegen, umhüllen das Spektakel.

Zwischen all dem wirkt der schmächtige Frontmann und Sänger Thom Yorke mit ergrautem Bart und Stoppelzopf zunächst ein wenig verloren, wird aber schnell eins mit seiner Kunst. Bei „The Gloaming“, das gewollt in diffusem Geräusch-Radiohead zelebrieren Stilfreiheit in Köln salat mündet, gibt sich der 44-Jährige einem wilden Tanz hin, die geheimnisvollen Klänge von „Separator“ gestaltet er mit hypnotischem Gesang, ehe die Nummer in soulige Gefilde abdriftet und ebenso träumerisch dahinplätschert wie „Reckoner“ im Anschluss. Das wird mit oldschooligem Hip-Hop-Beat eingeleitet und entspannt sich im Rasseln eines Tamburins. Bei „Pyramid Song“ sitzt Yorke im blauen Licht der Bühne am Klavier. Bedrohlich steigert sich das Stück, zur erwarteten Explosion allerdings kommt es nicht.

Den meisten Applaus heimst verdientermaßen das wunderschöne „Nude“ ein, das an die Filmmusik Ennio Morricones erinnert. Ebenfalls hoch in der Gunst des Publikums steht der Song „Lotus Flower“, bei dem Yorke, ausgestattet mit Maracas und glasklarer, frauengleicher Stimme, den Gegenpol zur harten Rocknummer bildet. Fleißig getrommelt wird in „There There“. „Feral“ ist elektronisch verspielt, „Myxomatosis“ ein dichtes Soundgewitter. Im Gegensatz dazu startet „Paranoid Android“ mit Akustikgitarre und entwickelt sich zum abwechselnden Spiel von Rambazamba und melancholischer Trägheit.

Geredet wird nicht viel. „The Daily Mail“, den Protestsong gegen die Presse in England, die „Menschen mit Scheiße bewirft und sich erlaubt, einfach Urteile über einen zu fällen“, kündigt Yorke mit wenigen Worten an, und auch von Tony Blair und George W. Bush hat der Sänger seine Meinung. Ansonsten lässt er lieber die Textzeilen sprechen. Dreimal kommen die Musiker für Zugaben in die Halle zurück. Eines der Stücke, das sie den Fans im Nachgang servieren, ist „Ful Stop“, ein psychedelischer Rausch aus bunten Farben, flackernden Lichtern und sogar begleitet von einem Meer klatschender Hände – als wäre das ein gewöhnliches Konzert.

(erschienen am 17.10.2012 im Westfälischen Anzeiger)