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Scorpions / Köln / 01.05.2014

Nur weil “Unplugged” draufsteht, heißt das nicht, dass es ruhig und bedächtig zugeht beim Auftritt der Scorpions in der Kölner Lanxess-Arena. Ok, Headbanger haben es an diesem Abend schwer. So richtig will das Haarschopfschütteln zu den neu arrangierten Songs der Hannoveraner Hard-Rocker nicht passen. Bei 18 Musikern auf der Bühne und bisweilen opulent ausgearbeiteten Songs darf aber durchaus gezappelt werden.

Die Musiker sitzen. Das alleine ist schon ein wenig befremdlich für ein Rock-Konzert. Erst recht, wenn man weiß, wer da hockt und was für energiegeladene Shows Klaus Meine, Rudolf Schenker und Co. in 49 Jahren Bandgeschichte rund um den Globus abgeliefert haben. Eigentlich wollte die Band die Mikros längst und für immer ausgestöpselt und die Gitarrenkoffer in die Ecke gestellt haben. Schön ist es dagegen, dass sie geblieben ist und mit ihrem Unplugged-Konzept, das erstmalig im vergangenen Jahr in Athen zur Aufführung kam, jetzt auch in Deutschland in die Verlängerung geht.

Deutschlands erfolgreichster Rockmusik-Export importiert in Köln und bei drei weiteren Auftritten: Es ist zwar nicht die Akropolis, die in der Lanxess-Arena zur Nachbildung kommt, dafür versprüht das Set inmitten aufgestellter Marmorsäulen-Imitaten und an die Leinwand geworfenen Antik-Malereien zumindest einen Hauch von griechischem Flair. Die Aura, die das Unplugged-Mutterkonzert im Lykabettus-Theater unter freiem Himmel im vergangenen Jahr verströmte, ist in die Kölner Multifunktionalhalle allerdings nur schwerlich zu übertragen. Klaus Meine ist deswegen auch ein wenig nervös: In Athen sei es ganz chillig gewesen, gibt er an. “In der großen Arena ist das schon ganz anders.”

Viele Fans – die meisten Zuhörer werden die Scorpions noch aus ihren Anfangstagen kennen – wissen mit der ungewohnten Situation offensichtlich nicht so recht umzugehen und geben sich zurückhaltend – auch, wenn es um Applaus geht. Die Scorpions ziehen ihre Show routiniert durch. Wer die Griechenland-Setlist kennt, weiß in etwa, was auf ihn zukommt. Höhepunkt des Konzerts ist “Drum Athenica”, das Battle zwischen Ersatz-Schlagzeuger Johan Franzon und Percussionist Pitti Hecht. Wie die beiden Musiker sich da minutenlang an ihren Instrumenten duellieren und schließlich gemeinsam eine Trommel-Wand errichten, ist schlichtweg beeindruckend.

James Kottak, seit 1996 Drummer bei den Scorpions, hätte sicher auch eine gute Figur abgegeben. Der US-Amerikaner hockt an diesem Abend aber wahrscheinlich noch immer in Dubai fest, nachdem er auf dem Flughafen des Emirats ausfallend geworden sein soll. Ihn ersetzt der Schwede Johan Franzon. Klaus Meine geht auf den Zwischenfall nicht ein, lässt die Rotation das aus der Not geborenen Personalkarussell für sich stehen. Stattdessen konzentriert sich der 65-jährige Sänger auf das Set, das die großen Hits neu verpackt, live meist vernachlässigte oder zuvor nie vor Publikum interpretierte Stücke auf die Bühne holt und auch neues Material bereithält. Gesangliche Unterstützung gibt es von zwei Gästen: Mit Johannes Oerding (Meine: “Der ist gerade sehr angesagt bei den Kids.”), der bei “Hit Between the Eyes” und “Rock You Like a Hurricane” zu Klaus Meine stößt, können die Scorpions-Fans gar nichts anfangen. Die Hamburger Singer-Songwriterin Cäthe dagegen kommt mit ihrer Rockröhre als Duettpartnerin in “In Trance” und “When You Came into My Life” bestens an.

Vor allem die Ballade – die Ausgangslage bietet es förmlich an – ist in Köln präsent und wird mit viel Streichereinsatz gefeiert. “Send Me an Angel” ist ganz nah an der Originalkomposition, “Where the River Flows” kokettiert dank Steel Guitar und Mundharmonika mit den amerikanischen Südstaaten, “The Best Is Yet to Come” verliert durch seine instrumentale Reduzierung nichts an seiner Hymnenhaftigkeit. Schon in der Urversion harte Stücke wie etwa “Blackout” oder “Pictured Life” bleiben auch unplugged rockig. In die gleiche Richtung orientieren sich die neuen Stücke “Dancing with the Moonlight” und “Rock ‘n’ Roll Band”.

Meine, Schenker und der zweite Gitarrist, Matthias Jabs, haben zudem ihre Solo-Momente. Letzterer bleibt instrumental und versprüht mit “Delicate Dance” mit starken Fingerfertigkeiten an den Saiten entspannte Klänge. Rudolf Schenker hat nach Meines Bekunden mehr als 100 Jahre vor den Unplugged-Shows nicht mehr auf der Bühne gesungen. Bei “Love is the Answer” ist die Zeit gekommen, weitere 100 Jahre Wartezeit hätten aber auch nicht geschadet. Nur wenige Augenblicke später nämlich zeigt Klaus Meine an der Akustikgitarre bei “Follow Your Heart” wie man’s richtig macht. Stimmlich macht ihm niemand etwas vor. Wenn man es nicht besser wüsste, man könnte meinen, das käme aus der Konserve. Stark.

Stark ist auch das Ende des Konzerts. Als Zugaben kommen Schlag auf Schlag “Wind of Change”, “Still Loving You” und “Rock You Like a Hurricane”. Bei den Klassikern wird das Unplugged-Set doch noch zum waschechten Rockkonzert. Die Fans singen, sie klatschen frenetisch und feiern ihre Hard-Rock-Helden. Auch ohne Strom und Stecker.

Westernhagen / Köln / 06.04.2014

“Alphatier” – das ist mal eine Ansage. Auch wenn Marius Müller-Westernhagen darauf besteht, dass ihm dieser Stempel immer nur von außen aufgedrückt wurde, spiegelt der Titel seines neuen Albums auch sein Eigenverständnis im Musik-Business wider: Rund fünf Jahre nach dem letzten musikalischen Lebenszeichen beweist der 65-Jährige, dass er immer noch nach ganz vorne gehört.

Die neue Platte soll am 25. April in den Läden stehen. Zuvor ist Westernhagen live unterwegs und stellt die Songs quer durch Deutschland in kleinen Clubs im Rahmen einer Prelistening-Tour vor. Nach Hamburg und Hannover ist der gebürtige Düsseldorfer im Kölner E-Werk zu Gast.

Dass Westernhagen sich mit Album Nummer 19 nicht neu erfindet, wird schnell klar. Trends gehen an ihm vorüber, ohne dass er scheinbar Kenntnis davon nimmt. Stattdessen gibt es viel klassischen Rock n’ Roll, aber ebenso viele ruhige Momente. Die Scheibe hätte gut und gerne auch in den 80ern entstanden sein können.

“Oh Herr” beginnt als schleppende Ballade. Unterstützt wird Westernhagen von Background-Sängerin Lindiwe Suttle, seiner neuen Lebenspartnerin. “Ich bin noch nicht soweit!” ruft er den Allmächtigen an, während die beiden händchenhaltend am Bühnenrand stehen. Sie sei die Seele und Inspiration der Platte gewesen, lobt Westernhagen die Sängerin.

“Clown”, das Westernhagen bereits im vergangenen Jahr bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises vorgestellt hat, kommt als Rock-Nummer daher. Die Fans sind trunken vor Freude. “Oh, wie ist das schön” schallt es schon nach wenigen Minuten durch die ausverkaufte Halle. Und Westernhagen freut sich: “Ich habe noch nie erlebt, dass eine neue Platte so gefeiert wurde, ohne sie zu kennen.”

Bei “Engel, ich weiß…” mit tollem Orgel-Solo von Jeff Young klingt der staubige Westen der USA mit, bei “Verzeih” greift Westernhagen selbst zur Gitarre. Die bluesige Nummer steigert sich im Verlauf und explodiert zum Schluss. Westernhagen röhrt und schreit ins Mikro.

“Was ich will” steht ganz in der Tradition von “Sexy”. Im ganz eigenen stelzenhaften Gang tänzelt Westernhagen mit seiner Liebeserklärung über die Bühne, während die beiden Gitarristen Kevin Bents und Brad Rice sowie Bassist John Conte in Status-Quo-Manier ihre Instrumente in synchroner Formation bedienen. “Liebeslied”, eines der besten neuen Stücke, schraubt das Tempo wieder runter und kommt als schwerer Bluesbrocken daher, den Westernhagen mit ordentlich Vibrato in der Stimme vorträgt.

“Keine Macht” sei von der Bankenkrise inspiriert worden, erklärt der Sänger. “Es handelt von der Gier, die herrscht. Alles wird über Geld und Erfolg definiert. Was zählt, ist Musik und Liebe.” Also schreit der 65-Jährige seinen Protest in die Welt hinaus, findet dabei aber noch genügend Zeit, mit dem Rücken zum Publikum mit dem Hintern zu wackeln und väterliche Küsse auf den Stirnen seiner Gitarristen zu verteilen.

Ein umtriebiger Mensch ist er, dieser Marius Müller-Westernhagen. Er kann nicht stillstehen, weiß manchmal gar nicht wohin mit seiner Energie. Auch nicht im durch und durch radiotauglichen “Halt mich noch einmal”, das zum Schunkeln animiert. Die Fans dürfen auch mitmachen: “Oh-oh-oh” schallt es aus vollen Kehlen. “Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ihr uns heute gebt!” zeigt sich Westernhagen überwältigt.

“Wahre Liebe” ist der Feuerzeugsong der neuen Platte. “Das Schicksal hat Roulette mit mir gespielt”, singt er darin, und man glaubt, ein autobiografisches Lüftchen zu verspüren. Ein heißer Kandidat für die nächste Kuschelrock-CD.

Zwölf Songs ist “Alphatier” insgesamt lang. Dazu gibt es noch zwei Bonustracks, die Westernhagen und Band den Fans natürlich auch nicht vorenthalten. In der Zeit zurück geht es schließlich bei den Zugaben. Nach einem kurzen Ausflug in die Garderobe, gibt es Schlag auf Schlag “Willenlos”, “Taximann”, “Sexy”, “Mit 18″ und “Johnny W.” Und auch der Letzte merkt, dass “Alphatier” eine durchaus treffliche Bezeichnung für den Sänger ist.

Franz Ferdinand / Köln / 12.03.2014

Hochwohlgeboren ist sicher keiner von ihnen, der Bandtitel “Franz Ferdinand” nach dem österreichischen Erzherzog war eher Resultat eines späten Namensfindungsprozesses und in der Form dann ein Produkt des Zufalls. Wie prototypische Rockstars wirken die vier Schotten, die mit ihrer Musik schon lange für ausgiebiges Wadentraining auf den Indie-Disco-Tanzflächen der Welt sorgen, allerdings auch nicht: Beim Konzert im Kölner Palladium kommt da ein Dandy-Quartett mit einheitlichen Patchwork-Anzügen auf die Bühne, kultiviert und höflich.

Musikalisch – das wissen die dicht gedrängt stehenden Fans in den vorderen Reihen – geht es nicht so zurückhaltend zu. Sobald die ersten Takte erklingen, zeigt sich deshalb schnell, dass die schottischen Musiker nicht als modisch gekleidete Schaufensterpuppen über den Kanal geschippert wurden, sondern ihren ansteckend tanzbaren Indie-Rock auch mit entsprechendem Körpereinsatz präsentieren. Als eine neue Art von Marschmusik könnte man Franz Ferdinands Stil bezeichnen, eigentlich perfekt zum Joggen. Bei den Stakkato-Beats wurzelt kein Besucherbein am klebrigen Hallenboden. Und auch Alex Kapranos, 41, Frontmann des britischen Vierers, hat Hummeln im Hintern. Er tritt um sich, zieht die Beine wie beim Morgensport zu sich hinauf, posiert wie ein Hair-Metal-Star aus den 80ern. Vor allem aber hüpft er umher, als trage er Sprungfedern versteckt unter den Absätzen seines eleganten Schuhwerks. Sein Kollege, Gitarrist Nick McCarthy, will ihm in nichts nachstehen. Das knapp unterm Kinn angelegte Instrument stört ihn nicht dabei, umtriebig seine Bühnenseite zu beackern. Da schwingt schon ein wenig Angst mit, die engen Röhrenhosen könnten reißen.

Anlass für die Tour ist die neue Platte “Right Words, Right Thoughts, Right Action”, das mittlerweile vierte Album des Quartetts. Nur verständlich, dass die Jungs auch viel aktuelles Material in ihr Set stecken. Musikalisch reihen sich die Stücke nahtlos in das bisherige Oeuvre der Schotten ein. “Love Illumination” drückt gehörig aufs Tempo und kommt in seinen rund dreieinhalb Minuten mit einem Refrain daher, der sich einbrennt im Kopf. “Evil Eye”, das mit einem markigen Schrei beginnt, würde gut als Soundtrack eines Super-Mario-Geisterschloss-Levels funktionieren. Da schwingt eine mysteriöse Gruselstimmung mit, tanzbar bleibt das Stück allemal. “Fresh Strawberries” dagegen nimmt ein wenig Tempo raus und erweist sich als Britpopper als absolut radiotauglich.

Heiß erwartet werden auch die Hits der Vorgängeralben, darunter eine ganze Menge Tanzflächenkracher, wie etwa “No You Girls” oder “Can’t Stop Feeling”. “Take Me Out” vom 2004er Debütalbum ist der erste große Höhepunkt des Abends. Bis ans Hallenende schwappt die Hüpfbegeisterung. Band und Publikum zelebrieren den Song förmlich, der sich im Verlauf immer weiter steigert, ehe es zur Explosion kommt. “Ulysses” ist nah am Schluss des regulären Sets angesiedelt. Die Positionierung des grandiosen Ohrwurm-Hits aus dem Jahr 2009 funktioniert. Der zweite Höhepunkt des Konzerts sorgt für langanhaltenden Jubel im Palladium.

Am Ende wirken die vier Herren nicht mehr ganz so frisch und fein wie zu Beginn. Nach rund 100 Minuten sind die Hemden schweißdurchnässt, die Haarschöpfe klitschnass und die Finger wundgespielt. Sichtlich Freude hat ihnen die Show gemacht. Mit breitem Grinsen verlassen Kapranos und Co. winkend die Bühne. Für Höflichkeiten ist zuvor trotzdem noch Zeit geblieben: Der Sänger schnappt sich das Mikrofon nach der letzten Zugabe, bedankt sich beim Publikum fürs Kommen. Dann greifen sich die vier Musiker an den Händen und verbeugen sich. Diese Schotten wissen halt, wie’s geht.

Maximo Park / Köln / 19.02.2014

Maximo Park als gereifte Alternative-Rockband zu bezeichnen, ist in zweierlei Hinsicht passend: Zum einen hat der Fünfer aus dem englischen Newcastle schon 13 Jahre Bandhistorie auf dem Buckel und in dieser Zeit fünf Alben veröffentlicht. Zum anderen lässt sich kompositorisch ein Alterungsprozess erkennen. Das wird beim Konzert in Köln deutlich, wo alte Hits und neue Songs um die Gunst des Publikums ringen.

Das betagtere Material, vor allem das von Platte Numero zwei, “Our Earthly Pleasures” von 2007, sorgen im dicht gefüllten Haus für einen klaren Punktsieg der frühen Maximo Park. “Our Velocity” mit seinem Mitsing-Refrain ist eines dieser gefeierten Stücke im Konfetti-Regen der vorderen Fan-Reihen, ebenso wie die Hymne “Books from Boxes”, die die Anhängerschaft gleich mit dem ersten Gitarrenton erkennt und zurecht johlend begrüßt. Sänger Paul Smith weiß, dass der Band damit ein Klassiker gelungen ist: Als sei der Mikrofonständer eine Trophäe reißt er ihn zum Abschluss hoch. “The Kids Are Sick Again”, “Apply Some Pressure” und “Girls Who Play Guitar” – ebenfalls schon leicht angegraut – verwandeln das Publikum mit feinen britischen Ohrwurm-Refrains in eine einzige wabernde Masse aus verschwitzten Haarschöpfen und aufgerissenen Mündern.

Das neuere Material hat es ungleich schwieriger. Die Fans müssen sich offensichtlich an den neuen Sound erst einmal gewöhnen. Schon auf “The National Health” von 2012 deuteten sich zum Beispiel mit dem treibenden “Hips and Lips” erste Elektrospielereien mit New-Wave-Einflüssen an. Auf dem soeben erschienen Longplayer “Too Much Information” setzt sich die Tendenz etwa in Form der ersten Single “Brain Cells” oder dem getragenen “Leave This Island” in verstärktem Maß fort. Das wirkt gesetzter, auch ein wenig unbequemer. Die Band steht zu ihrer konsequenten Entwicklung, vor allem Hutträger Paul Smith lässt daran keinen Zweifel: Seine Turnübungen am Mikrofon, sein unruhiger Gang über die Bühne, der nächste Ausfallschritt, ein neuer Hüftschwung – er liebt die Songs allesamt, und das zeigt er.

Zwischendurch versucht sich der 34-Jährige in ungelenkem Deutsch – Bonuspunkte, die er bei den Fans nicht braucht. Vor allem die weiblichen Anhänger hat er mit seinem spitzbübischen Lachen von Anfang an in der Tasche. Dass er traditionell im Anzug aufkreuzt und bis hinunter zu den glänzenden Schuhen den gewählten Mann von Welt gibt, ist nicht nur Show – als Akademiker war er vor seiner professionellen Musikkariere als Kunstlehrer tätig. “Das nächste Lied ist über die Vergangenheit”, nuschelt er. “Vom neuen Album und zero romantisch.” Auch bei “Drinking Martinis” präsentiert sich Smith geerdet und sympathisch. Der Sound in der Live Music Hall ist übrigens hervorragend, vor allem bei den etwas leiseren Nummern. “Wir haben nicht oft die Chance, softere Songs zu spielen”, erklärt Smith zum reduzierten “Where We’re Going”. Er bedankt sich artig fürs Zuhören. Es ist nicht das einzige ruhigere Stück am Abend. Verschnaufen muss der Zappelphilipp schließlich auch mal. Mit “The Undercurrents” kündigt er ein Liebeslied an. Er stützt sich am Keyboard ab, atmete ein paar Mal demonstrativ schwer, ein Lächeln. War nur ein Witz. Stattdessen gibt’s oldschooligen Punkrock mit einer Erkennungsprise Maximo Park. Kurz und knackig ist “Her Name Was Audre” – wie der Abend. Nach rund 70 Minuten hat das reguläre Set sein Ende erreicht. Danach noch zwei Zugaben und Smith tänzelt von der Bühne. Das wirkt doch alles ganz frisch.

Babyshambles / Köln / 27.01.2014

Aha, da ist dieser Pete Doherty doch genauso wie man ihn aus Yellow Press und Promi-Klatsch-TV kennt. Fast pünktlich wankt er auf die Bühne der seit langem ausverkauften Live Music Hall in Köln. Die Babyshambles starten ihre Deutschland-Tour. Schon beim zweiten Song fliegt der Mikrofonständer ohne Vorwarnung ins Publikum. Nur eine Nummer später segelt der 34-Jährige selbst hinterher und muss aus den Fängen seiner Fans befreit werden.

Darauf eine Margarita oder was auch immer da rot im Becher schwimmt – Hustensaft wird es jedenfalls nicht sein. Mehrere randvoll gefüllte Becher sind nebeneinander aufgestellt. Der Brite braucht nicht bis zum Ende des rund 80-minütigen Sets, um den Vorrat zu vernichten. Dabei hat es den Anschein, dass schon in der Garderobe die ersten Flaschen aufgezogen wurden, anders lässt sich Dohertys Auftritt nicht erklären. Er ist vor allem dilettantisch, gleichzeitig aber ungemein unterhaltsam – wenn man sich darauf einlässt. Das Gitarrenspiel bekommt er gerade noch so hin, überlässt es in vielen Fällen aber sicherheitshalber gleich seinem Kollegen Mick Withnall. Und der Gesang? Abgesehen von wenigen Momenten wäre der Musiker mit seinem schrägen, unkontrollierten Genuschel und Gejammer bei jeder Talentshow durchgefallen.

Glück hat er, der kauzige Geselle, dass beim Auftritt des Londoner Quartetts die Musik gar nicht so wichtig ist, weil seine Einlagen beim Publikum von viel größerem Interesse sind und für irritiertes Staunen sorgen. Wenn der Sänger mal wieder über den klebrigen Bühnenboden rutscht, werden die Hälse der Fans länger. Zum Durchschnaufen nimmt er regelmäßig neben dem Schlagzeug Platz, rauft sich die Haare und legt den Kopf für Flüssiges in den Nacken zu legen. Dann dreht er wieder Pirouetten, verkrümmt sich zum britischen Abbild Quasimodos und humpelt schweißüberströmt als Buckliger durchs Bild.

Wahrscheinlich will es Pete Doherty gar nicht anders, aber das kompositorische Talent wäre da, ein ganz großer Musiker zu werden. Das Händchen für erstklassige Indierock-Perlen hat er allemal. Und in einigen Momenten kommt sein Können dann auch zur Geltung, zum Beispiel bei „Fall from Grace“. Da ist er zwar nicht sonderlich textsicher, legt aber mit seiner Band, deren Mitglieder allesamt nicht über den Status von Statisten hinauskommen, eine locker-flockige Nummer hin, die richtig Spaß macht. „Farmer’s Daughter“ ist das beste Stück vom aktuellen Album „Sequel to the Prequel“ und auch auf Konzerten ein Brett mit seiner einfachen, fast kindlichen Melodie und einem gewaltigen hymnischen Refrain. Das klingt in der Halle lange nicht so sauber wie auf Platte, bringt aber live einen ganz eigenen Charme mit.

„Penguins“ hat auch etwas Spezielles mit seinen stillen Momenten. Doherty sitzt einfach da, artikuliert sich bruchstückhaft ins Mikro und plumpst dann einfach um. „8 Dead Boys“ dagegen geht mit treibendem Gitarrenspiel und am Ohrwurm kratzender Melodie energievoll geradeaus. Zwischendurch bleibt Zeit für ein wenig Reggae, etwas Punk und sogar Sprechgesang. Als Zugaben gibt es ein richtig gutes „Blitzkrieg Bop“-Cover von den Ramones und die Nummer, auf die alle gewartet haben: „Fuck Forever“, in der Regel der traditionelle Abschluss eines jeden Babyshambles-Konzerts dank des außerordentlichen Mitgröl-Potentials.

Es ist Abend, der in Erinnerung bleibt. Weniger bei Pete Doherty, dafür umso mehr beim Publikum. So etwas gibt es nicht alle Tage zu sehen und zu hören.

Biffy Clyro / Düsseldorf / 01.12.2013

Der 1. Advent bringt ungemütliches Wetter mit sich. Vor der Mitsubishi Electric Halle stehen die letzten Besucher in dicke Parkas gehüllt und warten auf Einlass. Die Raucher hüpfen währenddessen für eine Zigarettenlänge von einem Bein aufs andere. Drinnen ist es mollig warm. Dicht an dicht drängeln die Fans, um von ihren Helden Biffy Clyro, den Alternativ-Rockern der Stunde, möglichst viel zu erhaschen, und das Trio macht es wie eh und je: oberkörperfrei. Das gehört sich so bei den Schotten.

Damit da oben auf der Bühne vor Kälte auch keine Gänsehaut aufkommt, legt die Band von Beginn an los, als gelte es, lediglich ein paar Minuten unter Dauerbelastung auszuhalten und nicht rund 100 mehr. Jogi Löw würde ob der Konditionseinteilung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch, keine Sorge, Biffy Clyro wissen, was sie tun – allen voran Sänger Simon Neil, der Zottel mit dem Rauschebart, der optisch an den “Mann aus den Bergen” erinnert, von der Gemütlichkeit eines James Grizzly Adams aber meilenweit entfernt ist, wenn er Kung-Fu-Tritte vollführend, sich verbiegend und wild umherhüpfend an seinem Instrument in Ekstase schrammelt.

Die Fans wissen die Aufopferung der Band zu schätzen und wollen den Musikern in nichts nachstehen. Schon nach wenigen Minuten werden die ersten Anhänger auf Händen nach vorne Richtung Graben getragen, Klammotten werden durch die Luft geschleudert, und “Biffy-Clyro”-Sprechchöre gibt es nach jedem Song obendrauf. “Ihr seid fantastisch”, bedankt sich Simon Neil. Der 34-Jährige hat ein paar deutsche Sätze drauf. Das kommt gut an.

Ebenso wie das musikalische Programm an diesem Abend: Dem aktuellen Doppelalbum “Opposites” wird der meiste Raum zugestanden, aber auch der Song-Fundus der zuvor bereits erschienenen fünf Platten wird durchforstet. Eines haben die Longplayer allesamt gemein: Sie sprühen über vor einem Gespür für traumhafte Melodien, egal ob sie spartanisch verpackt daherkommen und auf Einfachheit setzen wie im Knaller-Hit “God & Satan” oder sich aus einem scheinbar chaotischen Gitarren-Donnerwetter hervorschälen wie in “Modern Magic Formula”.

“Accident Without Emergency” hat Folkloristisches im Blut und einen beneidenswerten Chorus. Biffy Clyros “Bohemian Rapsody” trägt den Namen “Living Is a Problem Because Everything Dies”, setzt sich aus verschiedenen Versatzstücken zusammen und brilliert mit vertrackter Struktur. “Biblical” mit seinem hymnischen Refrain steht stellvertretend für eine Band, die eigentlich zu groß ist für eine Hallenbühne: Sie dürstet nach Stadion.

“The Captain” beginnt brachial und geht in einen berechnend komponierten Refrain über, der mit Mitsing-Aufforderung und Oh-oh-Teil die gewünschte Wirkung beim Publikum nicht verfehlt. Bei “Bubbles” mutiert die Menge zu einem riesigen springenden Gummiball, der die Strapazierfähigkeit des Hallenbodens bis aufs Äußerste prüft. Wadenkrämpfe sind vorprogrammiert. Sänger Simon Neil dagegen wird es irgendwann mit seinem Rücken zu tun bekommen, so wie er es offensichtlich liebt, als Rumpelstilzchen herumzuhampeln.

Erstmals richtig sanft geht es bei den beiden Akustiknummern “The Rain” und “Folding Stars” zu, bei denen bis auf Neil alle Musiker eine Verschnaufpause bekommen, während der Sänger alleine im gleißenden Spot die Gitarrensaiten zupft und gemessen an der Zahl der Hobbyfilmer im Saal in den kommenden Tagen zum Youtube-Star avancieren dürfte.

“Black Chandelier”, das schon jetzt auf dem Weg ist, einmal ein Klassiker seines Genres zu werden, hat seinen Slot kurz vor Schluss. Da kann jeder mitsingen, ebenso wie bei “Opposite” und “Mountains” als Zugaben. Da ist sie noch einmal, diese wohlige Melodienwärme, ehe sich die Türen der Mitsubishi Electric Halle wieder öffnen und der steife Wind ins Innere bläst, während sich die Fans schweißnass und glücklich auf den nassen Asphalt drängen.