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Helene Fischer / Oberhausen / 30.09.2014

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OBERHAUSEN – “Marathon” heißt einer der mehr als 30 Songs, die Helene Fischer beim ersten von zwei Auftritten im Rahmen ihrer “Farbenspiel”-Tour in Oberhausen auf der Setlist stehen hat. Auch wenn es darin nicht um den Lauf über eine durchaus sportliche Entfernung geht, steht der Titel programmatisch für das Konzert: Denn eine Menge Stehvermögen müssen die Fans in der ausverkauften Halle schon mitbringen. Mit rund zweieinhalb Stunden Nettospielzeit hält die 30-Jährige das Publikum auf Trab. Aber, es lohnt sich.

Von Schlagermusik, auch wenn sie einen deutlichen Einschlag in Richtung Pop mitbringt, mag man halten, was man will. Die Texte sind leicht verdaulich, die Kompositionen ebenso. Doch, was Helene Fischer daraus strickt, ist verblüffend und trifft offensichtlich den Nerv der Zeit. Nicht nur, dass die komplett bestuhlte Arena bereits frühzeitig Kopf steht und sich anfangs noch gefasste Zuhörer innerhalb kürzester Zeit in frenetischem Ausdruckstanz verlieren. Auch außerhalb der schallisolierten Tore zum Innenbereich lässt sich der Erfolg der in Sibirien geborenen Sängerin ablesen.

Am Merchandise-Stand geht das Sortiment weit über die üblichen T-Shirts und CDs hinaus. Da liegen Schlüsselanhänger herum, werden Stifte feilgeboten und allerhand anderer Schnickschnack an den Fan gebracht. Um die Ecke ist sogar ein Tisch aufgebaut, an dem sich das Helene-Fischer-Parfüm käuflich erwerben lässt. Zwischendurch gibt es eine geschlagene halbe Stunde Pause, da lässt sich ausgiebig stöbern und den Geldbeutel erleichtern.

Die Marketing-Maschinerie läuft auf Hochtouren, die sympathische Sängerin ist gern gesehener Gast auf Verkaufsverpackungen, in Werbespots und als Dauergast bei Borg, Nebel und Co. Dass dahinter auch künstlerische Substanz steckt, wissen die eingefleischten Fans schon lange. Gesangstechnisch ist Helene Fischer nicht nur an diesem Abend immer auf dem Punkt und showmäßig auf einer Höhe mit internationalen Entertainment-Größen wie Beyonce, Rihanna und Konsorten. Da gibt es nichts.

Zahlreiche Kostümwechsel gehören natürlich dazu, Feuerfontänen schießen in die Luft, elf Tänzer tummeln sich auf der imposanten Bühne mit halbrundem Laufsteg, und auch 18 Musiker finden dort Platz. Zwischendurch torkeln Stelzentänzer umher, robben headbangende Schneehasen über den Boden. Es gibt Hebefiguren, Tanz-Choreographien und ein wunderbares, sich immer veränderndes Bühnenbild. Am Ende fliegt die Sängerin auf dem Rücken eines überdimensionalen und toll designten Pfaus – eindrucksvoll, wenn auch mit einer gehörigen Portion Kitsch versehen – an Stahlseilen befestigt über die Köpfe ihrer Fans hinweg.

So abwechslungsreich wie die Bühnenshow zeigt sich auch die musikalische Zusammenstellung des Konzerts. Neben typischen Schlagekompositionen wie etwa “Mit keinem Andern” oder “Die Hölle morgen früh”, die förmlich zum Mitklatschen zwingen, wird in “Nur wer den Wahnsinn liebt” der Blues gespielt und der Pseudo-Sirtaki in “Wunder dich nicht” getanzt. “Lass jetzt los” aus dem Disney-Film “Die Eiskönigin” könnte aus einem Musical stammen, ähnlich wie “Vergeben, vergessen und wieder vertrau’n”, das im Verlauf zu einem ordentlichen Rocker wird. “Der Augenblick” hat mit seiner sehnsuchtsvollen Violine etwas von einem James-Bond-Titelsong, während “Ich will immer wieder dieses Fieber spüren” mit Eurodance-Anleihen kokettiert.

Dass Helene Fischer – mal in ein Barbra-Streisand-Paillettenkleid gehüllt, mal als Amazone in Lederkluft oder im apricotfarbenen Federkostüm – über den musikalisch auf sie zugeschnittenen Tellerrand hinwegsieht, zeigt sich auch in den zahlreichen Coversongs, die sie ins Programm einstreut. Los geht es mit der dramatischen Rock-Nummer “Bring Me to Life” der Band Evanescence aus dem Jahr 2003. Weiter in der Zeit zurück springt die blonde Künstlerin bei einem Rock-Medley, das unter anderem Van Halens “Jump” umfasst, “Livin’ on a Prayer” von Bon Jovi oder etwa “I Love Rock n’ Roll” von Joan Jett and the Blackhearts. Bei “Purple Rain” geht ein großes Raunen durch die Tribünenreihen, und es regnet lila Lametta von der Decke.

Auf “Atemlos durch die Nacht” warten die Fans bis zum Schluss. Mit unerwartet ruhigen Klängen startet das Lied. “Lasst euch einfach darauf ein”, wünscht sich Helene Fischer. Dem Publikum gefällt’s. Es singt inbrünstig mit, den Text kennt jeder. Dann fährt das Tempo hoch. Die Arena wird zur Disco. Und das Glück ist für 10.000 Fans komplett.

Pharrell Williams / Düsseldorf / 27.09.2014

DÜSSELDORF – Bombastisch könnte es werden – das lässt zumindest die riesige Bühne vermuten, die ultragroße Leinwand dahinter und die vier Treppen, die auf eine zweite Etage führen. Wer schon zum Einlass auf das Pharrell-Williams-Konzert im Düsseldorfer ISS-Dome gekommen ist, hat dreieinhalb Stunden lang Zeit, zu rätseln, welch imposante Show der 41-jährige Shooting Star in der Rheinmetropole abfeuern wird. Aber es kommt ganz anders.

Unter ekstatischem Geschrei tritt der scheinbar einem Jungbrunnen entstiegene Künstler um kurz nach zehn ins Scheinwerferlicht. Mit dem Riesenhut, den zerschlissenen Jeans und den roten Designer-Boots könnte er zuvor noch für Karl Lagerfeld über einen Pariser Laufsteg spaziert sein. Kein Wunder eigentlich, ist der Tausendsassa doch neben seinen Tätigkeiten als Sänger und Produzent auch als Designer tätig. Umsäumt wird er von den fünf Tänzerinnen der Combo “The Baes”, die schon zu Beginn eifrig übers Parkett fegen.

Und das ist dann schon das einzig glamouröse, spektakuläre, verrückte an diesem Abend. Pharrell Williams offenbart sich als bodenständiger und demütiger Typ, der ein wenig schüchtern und immer sympathisch ohne viel Tamtam durchs Programm reitet, dabei artig ins Publikum winkt und sich regelmäßig und tief vor seinen Fans verbeugt. Ihnen, so wird er nicht müde zu erzählen, habe er all seinen Erfolg zu verdanken – eine im Showbiz oft bediente Floskel, die man dem US-Amerikaner nur zu gerne abnimmt, obwohl er schwer mit Goldkettchen behangen durchaus das überhebliche Ghetto-Rapper-Klischee bedient.

Vor allem die Frauen haben es ihm angetan. Mit einem leichten Hang zur Penetranz propagiert er nimmermüde die holde Weiblichkeit und fordert die Damen dieser Welt auf, nicht gleichförmig und angepasst, sondern anders zu sein – um dann aber trotzdem die “Baes” so ihre Hintern wackeln zu lassen, dass den Männern im Rund ob des dargebotenen Befruchtungstanzes fast die Augen aus den Höhlen springen.

Schlüssig ist das mit seinem Feminismus nicht, genauso wenig wie das Konzept der Show. In mageren 80 Minuten rollt Pharrell Williams in der vollbesetzten Halle einen Flickenteppich vor seinen Fans aus, der zwar durchweg unterhält, dem es aber an Stringenz fehlt, einem roten Faden, der einen Spannungsbogen schlägt, der die Zuhörer in seinen Bann zieht und ihn am Schluss schweißgebadet und von Glücksgefühlen durchzuckt aus der Halle torkeln lässt.

Vielversprechend geht es los, funky mit “Come Get It Bae”, gefolgt von der cheesigen R&B-Nummer “Frontin’”. Spätestens beim Tanzflächen-Killer “Hunter” ist der Falsett-Fetischist bei den Bee Gees angekommen, während “Marylin Monroe” eine Ballade im dramatischen Uptempo-Gewand ist. Die Bühne bleibt aufgeräumt, die vierköpfige Band plus die beiden Background-Sängerinnen müssen reichen. Ein paar Lichter flimmern, und zum Ende gibt’s auch bunte Pixel-Männchen die über den Bildschirm hampeln.

Dann kommen ein paar Stücke, bei denen Williams als Produzent oder Mitmusiker unterstützend involviert war, Nellys “Hot in Herre” etwa, “Hollaback Girl” von Gwen Stefani oder “Blurred Lines” von Robin Thicke, das es im vergangenen Jahr nicht nur in Deutschland an die Spitze der Charts schaffte. “Das sind ein paar Nummern, mit denen ich zu tun hatte. Dank Euch konnte ich das machen. Jetzt will ich die Vergangenheit mit Euch teilen”, sagt er dazu und wühlt kurz darauf im angestaubten N.E.R.D.-Koffer, um aus der frühen Schaffenszeit seiner Funk-Rock-Combo “Rockstar”, “Lapdance” und “She Wants to Move” hervorzukramen. Dabei wird er von seinem rappenden Kumpanen Shay Haley unterstützt und von einer Horde zunächst männlicher, dann weiblicher Fans, die hinauf auf die Bühne und mittanzen dürfen, um sich abschließend Handschläge beziehungsweise Küsschen vom Star abzuholen.

Die beiden Songs, auf die alle gewartet haben, sind erst zum Schluss dran: “Get Lucky” vom französischen Elektro-Duo “Daft Punk”, dem Pharrell Williams seine Stimme spendiert, ist der Abschluss des regulären Sets. Kassenschlager “Happy” kommt als letzte Zugabe. Beide Songs hätten dem Set an früherer Stelle sicher gut getan. Heimlicher Höhepunkt und Sinnbild des Abends aber ist kurz vor Schluss das relaxte “Gust of Wind”. Wie die namensgebende Windböe ist Pharrell Williams’ Gig vorbeigerauscht, angenehm, aber ohne viel Eindruck zu hinterlassen. Ein netter Abend.

Scorpions / Köln / 01.05.2014

Nur weil “Unplugged” draufsteht, heißt das nicht, dass es ruhig und bedächtig zugeht beim Auftritt der Scorpions in der Kölner Lanxess-Arena. Ok, Headbanger haben es an diesem Abend schwer. So richtig will das Haarschopfschütteln zu den neu arrangierten Songs der Hannoveraner Hard-Rocker nicht passen. Bei 18 Musikern auf der Bühne und bisweilen opulent ausgearbeiteten Songs darf aber durchaus gezappelt werden.

Die Musiker sitzen. Das alleine ist schon ein wenig befremdlich für ein Rock-Konzert. Erst recht, wenn man weiß, wer da hockt und was für energiegeladene Shows Klaus Meine, Rudolf Schenker und Co. in 49 Jahren Bandgeschichte rund um den Globus abgeliefert haben. Eigentlich wollte die Band die Mikros längst und für immer ausgestöpselt und die Gitarrenkoffer in die Ecke gestellt haben. Schön ist es dagegen, dass sie geblieben ist und mit ihrem Unplugged-Konzept, das erstmalig im vergangenen Jahr in Athen zur Aufführung kam, jetzt auch in Deutschland in die Verlängerung geht.

Deutschlands erfolgreichster Rockmusik-Export importiert in Köln und bei drei weiteren Auftritten: Es ist zwar nicht die Akropolis, die in der Lanxess-Arena zur Nachbildung kommt, dafür versprüht das Set inmitten aufgestellter Marmorsäulen-Imitaten und an die Leinwand geworfenen Antik-Malereien zumindest einen Hauch von griechischem Flair. Die Aura, die das Unplugged-Mutterkonzert im Lykabettus-Theater unter freiem Himmel im vergangenen Jahr verströmte, ist in die Kölner Multifunktionalhalle allerdings nur schwerlich zu übertragen. Klaus Meine ist deswegen auch ein wenig nervös: In Athen sei es ganz chillig gewesen, gibt er an. “In der großen Arena ist das schon ganz anders.”

Viele Fans – die meisten Zuhörer werden die Scorpions noch aus ihren Anfangstagen kennen – wissen mit der ungewohnten Situation offensichtlich nicht so recht umzugehen und geben sich zurückhaltend – auch, wenn es um Applaus geht. Die Scorpions ziehen ihre Show routiniert durch. Wer die Griechenland-Setlist kennt, weiß in etwa, was auf ihn zukommt. Höhepunkt des Konzerts ist “Drum Athenica”, das Battle zwischen Ersatz-Schlagzeuger Johan Franzon und Percussionist Pitti Hecht. Wie die beiden Musiker sich da minutenlang an ihren Instrumenten duellieren und schließlich gemeinsam eine Trommel-Wand errichten, ist schlichtweg beeindruckend.

James Kottak, seit 1996 Drummer bei den Scorpions, hätte sicher auch eine gute Figur abgegeben. Der US-Amerikaner hockt an diesem Abend aber wahrscheinlich noch immer in Dubai fest, nachdem er auf dem Flughafen des Emirats ausfallend geworden sein soll. Ihn ersetzt der Schwede Johan Franzon. Klaus Meine geht auf den Zwischenfall nicht ein, lässt die Rotation das aus der Not geborenen Personalkarussell für sich stehen. Stattdessen konzentriert sich der 65-jährige Sänger auf das Set, das die großen Hits neu verpackt, live meist vernachlässigte oder zuvor nie vor Publikum interpretierte Stücke auf die Bühne holt und auch neues Material bereithält. Gesangliche Unterstützung gibt es von zwei Gästen: Mit Johannes Oerding (Meine: “Der ist gerade sehr angesagt bei den Kids.”), der bei “Hit Between the Eyes” und “Rock You Like a Hurricane” zu Klaus Meine stößt, können die Scorpions-Fans gar nichts anfangen. Die Hamburger Singer-Songwriterin Cäthe dagegen kommt mit ihrer Rockröhre als Duettpartnerin in “In Trance” und “When You Came into My Life” bestens an.

Vor allem die Ballade – die Ausgangslage bietet es förmlich an – ist in Köln präsent und wird mit viel Streichereinsatz gefeiert. “Send Me an Angel” ist ganz nah an der Originalkomposition, “Where the River Flows” kokettiert dank Steel Guitar und Mundharmonika mit den amerikanischen Südstaaten, “The Best Is Yet to Come” verliert durch seine instrumentale Reduzierung nichts an seiner Hymnenhaftigkeit. Schon in der Urversion harte Stücke wie etwa “Blackout” oder “Pictured Life” bleiben auch unplugged rockig. In die gleiche Richtung orientieren sich die neuen Stücke “Dancing with the Moonlight” und “Rock ‘n’ Roll Band”.

Meine, Schenker und der zweite Gitarrist, Matthias Jabs, haben zudem ihre Solo-Momente. Letzterer bleibt instrumental und versprüht mit “Delicate Dance” mit starken Fingerfertigkeiten an den Saiten entspannte Klänge. Rudolf Schenker hat nach Meines Bekunden mehr als 100 Jahre vor den Unplugged-Shows nicht mehr auf der Bühne gesungen. Bei “Love is the Answer” ist die Zeit gekommen, weitere 100 Jahre Wartezeit hätten aber auch nicht geschadet. Nur wenige Augenblicke später nämlich zeigt Klaus Meine an der Akustikgitarre bei “Follow Your Heart” wie man’s richtig macht. Stimmlich macht ihm niemand etwas vor. Wenn man es nicht besser wüsste, man könnte meinen, das käme aus der Konserve. Stark.

Stark ist auch das Ende des Konzerts. Als Zugaben kommen Schlag auf Schlag “Wind of Change”, “Still Loving You” und “Rock You Like a Hurricane”. Bei den Klassikern wird das Unplugged-Set doch noch zum waschechten Rockkonzert. Die Fans singen, sie klatschen frenetisch und feiern ihre Hard-Rock-Helden. Auch ohne Strom und Stecker.

Westernhagen / Köln / 06.04.2014

“Alphatier” – das ist mal eine Ansage. Auch wenn Marius Müller-Westernhagen darauf besteht, dass ihm dieser Stempel immer nur von außen aufgedrückt wurde, spiegelt der Titel seines neuen Albums auch sein Eigenverständnis im Musik-Business wider: Rund fünf Jahre nach dem letzten musikalischen Lebenszeichen beweist der 65-Jährige, dass er immer noch nach ganz vorne gehört.

Die neue Platte soll am 25. April in den Läden stehen. Zuvor ist Westernhagen live unterwegs und stellt die Songs quer durch Deutschland in kleinen Clubs im Rahmen einer Prelistening-Tour vor. Nach Hamburg und Hannover ist der gebürtige Düsseldorfer im Kölner E-Werk zu Gast.

Dass Westernhagen sich mit Album Nummer 19 nicht neu erfindet, wird schnell klar. Trends gehen an ihm vorüber, ohne dass er scheinbar Kenntnis davon nimmt. Stattdessen gibt es viel klassischen Rock n’ Roll, aber ebenso viele ruhige Momente. Die Scheibe hätte gut und gerne auch in den 80ern entstanden sein können.

“Oh Herr” beginnt als schleppende Ballade. Unterstützt wird Westernhagen von Background-Sängerin Lindiwe Suttle, seiner neuen Lebenspartnerin. “Ich bin noch nicht soweit!” ruft er den Allmächtigen an, während die beiden händchenhaltend am Bühnenrand stehen. Sie sei die Seele und Inspiration der Platte gewesen, lobt Westernhagen die Sängerin.

“Clown”, das Westernhagen bereits im vergangenen Jahr bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises vorgestellt hat, kommt als Rock-Nummer daher. Die Fans sind trunken vor Freude. “Oh, wie ist das schön” schallt es schon nach wenigen Minuten durch die ausverkaufte Halle. Und Westernhagen freut sich: “Ich habe noch nie erlebt, dass eine neue Platte so gefeiert wurde, ohne sie zu kennen.”

Bei “Engel, ich weiß…” mit tollem Orgel-Solo von Jeff Young klingt der staubige Westen der USA mit, bei “Verzeih” greift Westernhagen selbst zur Gitarre. Die bluesige Nummer steigert sich im Verlauf und explodiert zum Schluss. Westernhagen röhrt und schreit ins Mikro.

“Was ich will” steht ganz in der Tradition von “Sexy”. Im ganz eigenen stelzenhaften Gang tänzelt Westernhagen mit seiner Liebeserklärung über die Bühne, während die beiden Gitarristen Kevin Bents und Brad Rice sowie Bassist John Conte in Status-Quo-Manier ihre Instrumente in synchroner Formation bedienen. “Liebeslied”, eines der besten neuen Stücke, schraubt das Tempo wieder runter und kommt als schwerer Bluesbrocken daher, den Westernhagen mit ordentlich Vibrato in der Stimme vorträgt.

“Keine Macht” sei von der Bankenkrise inspiriert worden, erklärt der Sänger. “Es handelt von der Gier, die herrscht. Alles wird über Geld und Erfolg definiert. Was zählt, ist Musik und Liebe.” Also schreit der 65-Jährige seinen Protest in die Welt hinaus, findet dabei aber noch genügend Zeit, mit dem Rücken zum Publikum mit dem Hintern zu wackeln und väterliche Küsse auf den Stirnen seiner Gitarristen zu verteilen.

Ein umtriebiger Mensch ist er, dieser Marius Müller-Westernhagen. Er kann nicht stillstehen, weiß manchmal gar nicht wohin mit seiner Energie. Auch nicht im durch und durch radiotauglichen “Halt mich noch einmal”, das zum Schunkeln animiert. Die Fans dürfen auch mitmachen: “Oh-oh-oh” schallt es aus vollen Kehlen. “Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ihr uns heute gebt!” zeigt sich Westernhagen überwältigt.

“Wahre Liebe” ist der Feuerzeugsong der neuen Platte. “Das Schicksal hat Roulette mit mir gespielt”, singt er darin, und man glaubt, ein autobiografisches Lüftchen zu verspüren. Ein heißer Kandidat für die nächste Kuschelrock-CD.

Zwölf Songs ist “Alphatier” insgesamt lang. Dazu gibt es noch zwei Bonustracks, die Westernhagen und Band den Fans natürlich auch nicht vorenthalten. In der Zeit zurück geht es schließlich bei den Zugaben. Nach einem kurzen Ausflug in die Garderobe, gibt es Schlag auf Schlag “Willenlos”, “Taximann”, “Sexy”, “Mit 18″ und “Johnny W.” Und auch der Letzte merkt, dass “Alphatier” eine durchaus treffliche Bezeichnung für den Sänger ist.

Franz Ferdinand / Köln / 12.03.2014

Hochwohlgeboren ist sicher keiner von ihnen, der Bandtitel “Franz Ferdinand” nach dem österreichischen Erzherzog war eher Resultat eines späten Namensfindungsprozesses und in der Form dann ein Produkt des Zufalls. Wie prototypische Rockstars wirken die vier Schotten, die mit ihrer Musik schon lange für ausgiebiges Wadentraining auf den Indie-Disco-Tanzflächen der Welt sorgen, allerdings auch nicht: Beim Konzert im Kölner Palladium kommt da ein Dandy-Quartett mit einheitlichen Patchwork-Anzügen auf die Bühne, kultiviert und höflich.

Musikalisch – das wissen die dicht gedrängt stehenden Fans in den vorderen Reihen – geht es nicht so zurückhaltend zu. Sobald die ersten Takte erklingen, zeigt sich deshalb schnell, dass die schottischen Musiker nicht als modisch gekleidete Schaufensterpuppen über den Kanal geschippert wurden, sondern ihren ansteckend tanzbaren Indie-Rock auch mit entsprechendem Körpereinsatz präsentieren. Als eine neue Art von Marschmusik könnte man Franz Ferdinands Stil bezeichnen, eigentlich perfekt zum Joggen. Bei den Stakkato-Beats wurzelt kein Besucherbein am klebrigen Hallenboden. Und auch Alex Kapranos, 41, Frontmann des britischen Vierers, hat Hummeln im Hintern. Er tritt um sich, zieht die Beine wie beim Morgensport zu sich hinauf, posiert wie ein Hair-Metal-Star aus den 80ern. Vor allem aber hüpft er umher, als trage er Sprungfedern versteckt unter den Absätzen seines eleganten Schuhwerks. Sein Kollege, Gitarrist Nick McCarthy, will ihm in nichts nachstehen. Das knapp unterm Kinn angelegte Instrument stört ihn nicht dabei, umtriebig seine Bühnenseite zu beackern. Da schwingt schon ein wenig Angst mit, die engen Röhrenhosen könnten reißen.

Anlass für die Tour ist die neue Platte “Right Words, Right Thoughts, Right Action”, das mittlerweile vierte Album des Quartetts. Nur verständlich, dass die Jungs auch viel aktuelles Material in ihr Set stecken. Musikalisch reihen sich die Stücke nahtlos in das bisherige Oeuvre der Schotten ein. “Love Illumination” drückt gehörig aufs Tempo und kommt in seinen rund dreieinhalb Minuten mit einem Refrain daher, der sich einbrennt im Kopf. “Evil Eye”, das mit einem markigen Schrei beginnt, würde gut als Soundtrack eines Super-Mario-Geisterschloss-Levels funktionieren. Da schwingt eine mysteriöse Gruselstimmung mit, tanzbar bleibt das Stück allemal. “Fresh Strawberries” dagegen nimmt ein wenig Tempo raus und erweist sich als Britpopper als absolut radiotauglich.

Heiß erwartet werden auch die Hits der Vorgängeralben, darunter eine ganze Menge Tanzflächenkracher, wie etwa “No You Girls” oder “Can’t Stop Feeling”. “Take Me Out” vom 2004er Debütalbum ist der erste große Höhepunkt des Abends. Bis ans Hallenende schwappt die Hüpfbegeisterung. Band und Publikum zelebrieren den Song förmlich, der sich im Verlauf immer weiter steigert, ehe es zur Explosion kommt. “Ulysses” ist nah am Schluss des regulären Sets angesiedelt. Die Positionierung des grandiosen Ohrwurm-Hits aus dem Jahr 2009 funktioniert. Der zweite Höhepunkt des Konzerts sorgt für langanhaltenden Jubel im Palladium.

Am Ende wirken die vier Herren nicht mehr ganz so frisch und fein wie zu Beginn. Nach rund 100 Minuten sind die Hemden schweißdurchnässt, die Haarschöpfe klitschnass und die Finger wundgespielt. Sichtlich Freude hat ihnen die Show gemacht. Mit breitem Grinsen verlassen Kapranos und Co. winkend die Bühne. Für Höflichkeiten ist zuvor trotzdem noch Zeit geblieben: Der Sänger schnappt sich das Mikrofon nach der letzten Zugabe, bedankt sich beim Publikum fürs Kommen. Dann greifen sich die vier Musiker an den Händen und verbeugen sich. Diese Schotten wissen halt, wie’s geht.

Maximo Park / Köln / 19.02.2014

Maximo Park als gereifte Alternative-Rockband zu bezeichnen, ist in zweierlei Hinsicht passend: Zum einen hat der Fünfer aus dem englischen Newcastle schon 13 Jahre Bandhistorie auf dem Buckel und in dieser Zeit fünf Alben veröffentlicht. Zum anderen lässt sich kompositorisch ein Alterungsprozess erkennen. Das wird beim Konzert in Köln deutlich, wo alte Hits und neue Songs um die Gunst des Publikums ringen.

Das betagtere Material, vor allem das von Platte Numero zwei, “Our Earthly Pleasures” von 2007, sorgen im dicht gefüllten Haus für einen klaren Punktsieg der frühen Maximo Park. “Our Velocity” mit seinem Mitsing-Refrain ist eines dieser gefeierten Stücke im Konfetti-Regen der vorderen Fan-Reihen, ebenso wie die Hymne “Books from Boxes”, die die Anhängerschaft gleich mit dem ersten Gitarrenton erkennt und zurecht johlend begrüßt. Sänger Paul Smith weiß, dass der Band damit ein Klassiker gelungen ist: Als sei der Mikrofonständer eine Trophäe reißt er ihn zum Abschluss hoch. “The Kids Are Sick Again”, “Apply Some Pressure” und “Girls Who Play Guitar” – ebenfalls schon leicht angegraut – verwandeln das Publikum mit feinen britischen Ohrwurm-Refrains in eine einzige wabernde Masse aus verschwitzten Haarschöpfen und aufgerissenen Mündern.

Das neuere Material hat es ungleich schwieriger. Die Fans müssen sich offensichtlich an den neuen Sound erst einmal gewöhnen. Schon auf “The National Health” von 2012 deuteten sich zum Beispiel mit dem treibenden “Hips and Lips” erste Elektrospielereien mit New-Wave-Einflüssen an. Auf dem soeben erschienen Longplayer “Too Much Information” setzt sich die Tendenz etwa in Form der ersten Single “Brain Cells” oder dem getragenen “Leave This Island” in verstärktem Maß fort. Das wirkt gesetzter, auch ein wenig unbequemer. Die Band steht zu ihrer konsequenten Entwicklung, vor allem Hutträger Paul Smith lässt daran keinen Zweifel: Seine Turnübungen am Mikrofon, sein unruhiger Gang über die Bühne, der nächste Ausfallschritt, ein neuer Hüftschwung – er liebt die Songs allesamt, und das zeigt er.

Zwischendurch versucht sich der 34-Jährige in ungelenkem Deutsch – Bonuspunkte, die er bei den Fans nicht braucht. Vor allem die weiblichen Anhänger hat er mit seinem spitzbübischen Lachen von Anfang an in der Tasche. Dass er traditionell im Anzug aufkreuzt und bis hinunter zu den glänzenden Schuhen den gewählten Mann von Welt gibt, ist nicht nur Show – als Akademiker war er vor seiner professionellen Musikkariere als Kunstlehrer tätig. “Das nächste Lied ist über die Vergangenheit”, nuschelt er. “Vom neuen Album und zero romantisch.” Auch bei “Drinking Martinis” präsentiert sich Smith geerdet und sympathisch. Der Sound in der Live Music Hall ist übrigens hervorragend, vor allem bei den etwas leiseren Nummern. “Wir haben nicht oft die Chance, softere Songs zu spielen”, erklärt Smith zum reduzierten “Where We’re Going”. Er bedankt sich artig fürs Zuhören. Es ist nicht das einzige ruhigere Stück am Abend. Verschnaufen muss der Zappelphilipp schließlich auch mal. Mit “The Undercurrents” kündigt er ein Liebeslied an. Er stützt sich am Keyboard ab, atmete ein paar Mal demonstrativ schwer, ein Lächeln. War nur ein Witz. Stattdessen gibt’s oldschooligen Punkrock mit einer Erkennungsprise Maximo Park. Kurz und knackig ist “Her Name Was Audre” – wie der Abend. Nach rund 70 Minuten hat das reguläre Set sein Ende erreicht. Danach noch zwei Zugaben und Smith tänzelt von der Bühne. Das wirkt doch alles ganz frisch.