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Helene Fischer / Oberhausen / 30.09.2014

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OBERHAUSEN – “Marathon” heißt einer der mehr als 30 Songs, die Helene Fischer beim ersten von zwei Auftritten im Rahmen ihrer “Farbenspiel”-Tour in Oberhausen auf der Setlist stehen hat. Auch wenn es darin nicht um den Lauf über eine durchaus sportliche Entfernung geht, steht der Titel programmatisch für das Konzert: Denn eine Menge Stehvermögen müssen die Fans in der ausverkauften Halle schon mitbringen. Mit rund zweieinhalb Stunden Nettospielzeit hält die 30-Jährige das Publikum auf Trab. Aber, es lohnt sich.

Von Schlagermusik, auch wenn sie einen deutlichen Einschlag in Richtung Pop mitbringt, mag man halten, was man will. Die Texte sind leicht verdaulich, die Kompositionen ebenso. Doch, was Helene Fischer daraus strickt, ist verblüffend und trifft offensichtlich den Nerv der Zeit. Nicht nur, dass die komplett bestuhlte Arena bereits frühzeitig Kopf steht und sich anfangs noch gefasste Zuhörer innerhalb kürzester Zeit in frenetischem Ausdruckstanz verlieren. Auch außerhalb der schallisolierten Tore zum Innenbereich lässt sich der Erfolg der in Sibirien geborenen Sängerin ablesen.

Am Merchandise-Stand geht das Sortiment weit über die üblichen T-Shirts und CDs hinaus. Da liegen Schlüsselanhänger herum, werden Stifte feilgeboten und allerhand anderer Schnickschnack an den Fan gebracht. Um die Ecke ist sogar ein Tisch aufgebaut, an dem sich das Helene-Fischer-Parfüm käuflich erwerben lässt. Zwischendurch gibt es eine geschlagene halbe Stunde Pause, da lässt sich ausgiebig stöbern und den Geldbeutel erleichtern.

Die Marketing-Maschinerie läuft auf Hochtouren, die sympathische Sängerin ist gern gesehener Gast auf Verkaufsverpackungen, in Werbespots und als Dauergast bei Borg, Nebel und Co. Dass dahinter auch künstlerische Substanz steckt, wissen die eingefleischten Fans schon lange. Gesangstechnisch ist Helene Fischer nicht nur an diesem Abend immer auf dem Punkt und showmäßig auf einer Höhe mit internationalen Entertainment-Größen wie Beyonce, Rihanna und Konsorten. Da gibt es nichts.

Zahlreiche Kostümwechsel gehören natürlich dazu, Feuerfontänen schießen in die Luft, elf Tänzer tummeln sich auf der imposanten Bühne mit halbrundem Laufsteg, und auch 18 Musiker finden dort Platz. Zwischendurch torkeln Stelzentänzer umher, robben headbangende Schneehasen über den Boden. Es gibt Hebefiguren, Tanz-Choreographien und ein wunderbares, sich immer veränderndes Bühnenbild. Am Ende fliegt die Sängerin auf dem Rücken eines überdimensionalen und toll designten Pfaus – eindrucksvoll, wenn auch mit einer gehörigen Portion Kitsch versehen – an Stahlseilen befestigt über die Köpfe ihrer Fans hinweg.

So abwechslungsreich wie die Bühnenshow zeigt sich auch die musikalische Zusammenstellung des Konzerts. Neben typischen Schlagekompositionen wie etwa “Mit keinem Andern” oder “Die Hölle morgen früh”, die förmlich zum Mitklatschen zwingen, wird in “Nur wer den Wahnsinn liebt” der Blues gespielt und der Pseudo-Sirtaki in “Wunder dich nicht” getanzt. “Lass jetzt los” aus dem Disney-Film “Die Eiskönigin” könnte aus einem Musical stammen, ähnlich wie “Vergeben, vergessen und wieder vertrau’n”, das im Verlauf zu einem ordentlichen Rocker wird. “Der Augenblick” hat mit seiner sehnsuchtsvollen Violine etwas von einem James-Bond-Titelsong, während “Ich will immer wieder dieses Fieber spüren” mit Eurodance-Anleihen kokettiert.

Dass Helene Fischer – mal in ein Barbra-Streisand-Paillettenkleid gehüllt, mal als Amazone in Lederkluft oder im apricotfarbenen Federkostüm – über den musikalisch auf sie zugeschnittenen Tellerrand hinwegsieht, zeigt sich auch in den zahlreichen Coversongs, die sie ins Programm einstreut. Los geht es mit der dramatischen Rock-Nummer “Bring Me to Life” der Band Evanescence aus dem Jahr 2003. Weiter in der Zeit zurück springt die blonde Künstlerin bei einem Rock-Medley, das unter anderem Van Halens “Jump” umfasst, “Livin’ on a Prayer” von Bon Jovi oder etwa “I Love Rock n’ Roll” von Joan Jett and the Blackhearts. Bei “Purple Rain” geht ein großes Raunen durch die Tribünenreihen, und es regnet lila Lametta von der Decke.

Auf “Atemlos durch die Nacht” warten die Fans bis zum Schluss. Mit unerwartet ruhigen Klängen startet das Lied. “Lasst euch einfach darauf ein”, wünscht sich Helene Fischer. Dem Publikum gefällt’s. Es singt inbrünstig mit, den Text kennt jeder. Dann fährt das Tempo hoch. Die Arena wird zur Disco. Und das Glück ist für 10.000 Fans komplett.

Eric Clapton / Oberhausen / 14.06.2013

Eric Clapton am 14. Juni 2013 beim Konzert in der König-Pilsener-Arena in Oberhausen.

Eric Clapton am 14. Juni 2013 beim Konzert in der König-Pilsener-Arena in Oberhausen.

Eric Clapton braucht nicht viel Tamtam, um zu begeistern. In der komplett bestuhlten Arena in Oberhausen steht der Brite mit seiner achtköpfigen Band auf einer aufgeräumten Bühne und macht einfach nur Musik. Da wird nicht viel gequatscht, da braucht es keine große Lichtshow oder bunte Effekte. Clapton, der schlabbrige Jeans und ein Polohemd trägt, setzt auf Understatement. Als einer der besten Gitarristen aller Zeiten kann er es sich das leisten.

Von Beginn an stellt er sein Können unter Beweis. Ein Solo folgt auf das nächste. Und jedesmal scheint er ganz darin aufzugehen, wenn er mit geschlossenen Augen Grimassen zieht, den Kopf schüttelt und sich bewegt, als sei er in einer tiefen Trance. Dabei sieht es so einfach und entspannt aus, wie die Finger des Briten über die Saiten gleiten und er nicht einmal auf das Griffbrett seines Instruments schielen muss.

Genau wie er auf vielen seiner Platten Cover-Songs einbaut, finden sich auch in der Setlist der aktuellen Tour, mit der Clapton sein 50-jähriges Bühnenjubiläum begeht, viele Stücke anderer Künstler, darunter Songs von Hop Wilson und Jimmy Cox. Von Robert Johnson, den Clapton als bedeutendsten Blues-Musiker aller Zeiten betrachtet und dem er bereits zwei Alben widmete, spielt er gleich drei Songs: “Love in Vain”, “Crossroads” und “Little Queen of Spades”.

Das restliche Programm setzt sich aus Nummern der Solokarriere wie zum Beispiel “My Father’s Eyes” und “Wonderful Tonight” und Songs zusammen, die er mit den Bands Derek and the Dominos und Cream aufgenommen hat, darunter “Sunshine of Your Love” und selbstverständlich auch “Layla”.

Höhepunkte des Auftritts sind aber auch Stücke wie das lässig groovende “Gotta Get Over” von seinem aktuellen, bereits 21. Soloalbum. Da wippen in den Stuhlreihen und auf den Tribünen die Köpfe , wird gejohlt und begeistert dazwischengerufen, wenn Clapton zum Solospiel ansetzt. Nicht anders ist es bei “Come Rain or Come Shine” des amerikanischen Komponisten Harold Arlen, aus dessen Feder auch “Over the Rainbow” stammt. Die getragene Blues-Nummer singt Clapton mit viel Gefühl zusammen mit Organist Paul Carrack.

Tage zuvor hatte Eric Clapton wegen anhaltender Rückenbeschwerden die Konzerte in Wien und Stuttgart absagen müssen. In Oberhausen wirkt der 68-Jährige erholt, gönnt sich im Mittelteil aber doch einen Stuhl. Beim “Driftin’ Blues” hat Eric Clapton auf dem mit rotem Samt überzogenen Sitz Platz genommen. Seine Fans erkennen die Nummer schnell. Jubel brandet auf. Dann ist es ganz still. Wie elektrisiert starren die Zuhörer gebannt auf Claptons Gitarrenspiel. Da verströmt jeder einzelne Ton einen ganz besonderen Zauber.

Ein ganz ähnliches musikalisches Schwergewicht, wenn auch ein wesentlich schnelleres, ist “Blues Power”, bei dem auch Gitarrist Doyle Bramhall II seine Fähigkeiten am Instrument unter Beweis stellen darf, Clapton mit viel Reibeisen in der Stimme glänzt und eifrig Drehregler und Vibratohebel bedient.

Auf eine Nummer warten die Fans allerdings vergeblich: “Tears in Heaven”, Claptons wohl bekanntestes Stück, erklingt nicht. Aber das ist nur ein kleiner Wehrmutstropfen an einem faszinierenden und stilvollen Musikabend.

Meat Loaf / Oberhausen / 08.05.2013

Konzert von Meat Loaf im Rahmen seiner "Last at Bat"-Tour am 08.05.2013 in Oberhausen, Deutschland, Germany

Bericht vom Konzert von Meat Loaf im Rahmen seiner “Last at Bat”-Tour in Oberhausen, Deutschland, Germany

Zu seinem letzten Konzert in Deutschland humpelt ein sichtlich gealterter Meat Loaf im Glitzerjackett auf die Bühne der Oberhausener Arena. Mit der “Bat at Last”-Tour will der 65-jährige Rocksänger seine musikalische Karriere beenden und hat dabei nach einer Knieoperation mit körperlichen Problemen zu ringen, die im scharfen Kontrast zu seinen harten Rockerposen und der ihm eigenen bedrohlichen Mimik stehen.

Aus seinem umfangreichen Song-Fundus zaubert er im ersten Teil des Konzerts einen Querschnitt seines Schaffens, darunter etwa “Dead Ringer for Love”, bei dem er von Sängerin Patricia Russo begleitet wird, oder “Objects in the Rear View Mirror May Appear Closer than They Are”. Dort singt sich Meat Loaf förmlich in Ekstase und hämmert die letzten Worte einem Prediger gleich ins Mikrofon. Auch recht neues Material wie “Los Angeloser” und “The Giving Tree” finden den Weg ins Set.

Im zweiten Teil der Show spielt der als Marvin Lee Aday geborene Texaner im Rüschenhemd begleitet von seiner siebenköpfigen Band das komplette “Bat Out of Hell”-Album von 1977, seine mit über 44 Millionen verkauften Exemplaren erfolgreichste Platte. Bei Rockern wie “Bat Out of Hell”, bei dem im Bühnenhintergrund eine übergroße Fledermaus aufgeblasen wird und bedrohlich auf die Zuhörer hinabblickt, “You Took the Words Right Out of My Mouth” sowie “All Revved Up With No Place to Go” ist das Publikum förmlich aus dem Häuschen.

Er wollte Musik schreiben, die eine Kino- und Theaterwelt erzeugen, berichtet Meat Loafs langjähriger Begleiter und Komponist Jim Steinman in einem Video-Einspieler, und so gestalten sich die meisten der bisweilen mehr als zehn Minuten langen Stücke im klassisch-typischen Meat-Loaf-Aufbau mit immer wieder neuen facettenreichen Versatzstücken, schnellen Rock-Parts und ruhigen Passagen.

Nach Balladeskem wie “Heaven Can Wait” und “Two Out of Three Ain’t Bad”, bei denen der Sänger am weißen Piano begleitet wird und sich den stillen Momenten mit viel Vibrato hingibt, sowie der Zugabe “I’d Do Anything for Love (But I Won’t Do That)”, belohnt ihn das Publikum mit langanhaltendem stehenden Applaus. Stimmlich ist er nicht immer punktgenau da, sorgt aber an den entscheidenden Stellen für absolute Gänsehaut, wenn er mit derart tiefer Inbrunst singt, dass man ihm jedes Wort glauben will.

Und mit welcher Hingabe er Musik gemacht hat und was sie ihm bedeutet, wiederholt er immer wieder. Dabei schnauft er schwer, der Schweiß steht ihm im Gesicht, das bekannte rote Tuch immer in der Faust. Als er einleitend zu “For Crying Out Loud” ein paar Sätze sagen will, verschlägt es ihm gar die Stimme, und dem mächtigen Mann auf dem Hocker rinnen die Tränen über die Wangen. Ein gefühlvoller Abschied.

MARIUS MÜLLER-WESTERNHAGEN / OBERHAUSEN / 14.09.2012

Eigentlich wollte Marius Müller-Westernhagen das Mikro längst an den Nagel gehängt haben. Live-Auftritte, das hatte sich der 63-jährige Düsseldorfer schon vor über zehn Jahren fest vorgenommen, sollte es nicht mehr geben. Warum er es sich doch anders überlegte, verrät er beim „Hottentotten“-Konzert in der Oberhausener Arena.

2003 habe er auf eben dieser Bühne gestanden und für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden, berichtet er. Da habe er sich gedacht, dass es das nicht gewesen sein kann. Gut so, denn beim Konzert beweist er, dass es die richtige Entscheidung war, die Karriere fortzusetzen.

Vielleicht nicht aus modischer, aber aus musikalischer Sicht umso mehr: Nur äußerlich wirkt Westernhagen mit pastellfarbenem Hemd und blauem Seidenschal wie ein Alt-Hippie, musikalisch präsentiert er sich wie ein Jungspund. Wenn er leichtfüßig tänzelnd oder im Stakkato-Schritt seine Runden dreht, ist die Bühne gerade groß genug. Dann wackelt er mit dem Hintern, kreist mit den Hüften und gibt sich gestenreich.

Nach Oberhausen mitgebracht, hat der Musiker einen Querschnitt seines Schaffens. Logisch, immerhin kann Westernhagen aus 18 Studioalben und vielen Hits schöpfen. Die wichtigsten sind an diesem Abend selbstverständlich dabei: „Fertig“ etwa, Westernhagens knallharter Abgesang auf eine gescheiterte Liebes-Beziehung. Oder „Willenlos“, die humorvolle Beschreibung der Unfähigkeit, Frauen widerstehen zu können. Oder auch das schnelle „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ mit Blödeltext.

Erster Höhepunkt ist aber „Taximann“ vom 1975er Album „Das erste Mal“. Daran lässt die Resonanz des stimmgewaltigen Publikums keinen Zweifel aufkommen. Die Fans haben Lust, mitzumachen und nehmen dem Sänger die Arbeit ab. Das sind die Gänsehaut-Momente, für die jeder gekommen ist – und von denen es noch einige geben wird.

Beim Klassiker-Doppel kurz vor Ende etwa. Zunächst gurgelt Westernhagen in bester Manier „Sexy“, während sich auf der Leinwand eine überdimensionale Gogo-Tänzerin entblättert. Dann folgt das hymnische „Wieder hier“, einmal mehr mit der lautstarken Unterstützung seiner Fans. Auf die kann er sich verlassen: Bei „Freiheit“, der Westernhagen-Ballade schlechthin, folgt ein eben solch magischer Moment, wenn die Arena die Choraufgabe übernimmt.

Unterstützt wird Westernhagen auf seiner erstmals 2010 umgesetzten „Hottentotten“-Tour von neun Musikern, darunter drei Gitarristen. Die Idee dahinter war, mit talentierten Blues- und Rock-’n'-Roll-Musikern auf einer Bühne zu stehen und die Westernhagen-Klassiker in ein neues musikalisches Gewand zu hüllen. Es seien die besten Instrumentalisten, mit denen er jemals zusammengespielt habe, lobtder 63-Jährige. Einwände gibt es keine. Aus Großbritannien, den USA und Deutschland hat sich der Düsseldorfer tatsächlich Könner in die Band geholt. Und diese spielen nicht nur balladesk auf, sondern rocken auch ordentlich: Bei „Mit 18“ zum Beispiel, bei dem Westernhagen zur Mundharmonika greift, bei „Krieg“ mit seinen fetzigen Saxophon-Klängen oder beim bluesigen Stampfer „Schnauze voll“.

Bevor die goldenen Glitzergirlanden zum Abschluss mit einem lauten Knall ins Halleninnere geschossen werden, wird es aber noch einmal heimelig. Beim nahezu 35-jährigen Schunkler „Johnny Walker“ darf ein letztes Mal mitgesungen werden, und die Zuhörer zeigen sich – wie sollte es auch anders sein – textsicher. „Johnny Walker, du hast mich nie enttäuscht“ heißt es in Westernhagens Lied. Das gleiche werden die Fans auch von ihrem Meister sagen.

(erschienen am 16.09.2012 im Westfälischen Anzeiger)

ROCK IM POTT / GELSENKIRCHEN / 25.08.2012

“Wir haben noch nie vor so vielen Leuten gespielt”, gesteht Kraftklub-Rapper Felix Brummer zu Beginn der Rock-im-Pott-Premiere, einem neuen eintägigen Festival in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Halle, in der sich am Ende rund 41.000 Zuhörer einfinden werden, noch lange nicht voll besetzt.

Ein wenig verloren wirkt die Chemnitzer Rock-Formation, der im vergangenen Jahr der große Durchbruch gelang, schon auf der großen Bühne. Unbeeindruckt legen sie aber eine knackige Show hin. Ein guter Start in einen langen Musik-Samstag. Behilflich ist den Fünfen dabei auch der Ohrwurm-Charakter ihrer wenn auch wenig facettenreichen Songs. “Scheiß in die Disco”, “Songs für Liam” und “Ich will nicht nach Berlin” laden zum Mitgrölen und rhythmischen Klatschen ein – eine große Vorgabe für The BossHoss, die im Anschluss spielen.

Diese kommen zwar aus der Berlin, ziehen ihre Western-Show aber knallhart durch und sprechen deshalb ausschließlich Englisch mit den Fans. Das hört sich allerdings weniger nach Tennessee als nach Prenzlauer Berg an. Auf die Dauer ist das unfreiwillig komisch. Eine tatsächlich witzige Idee sind dagegen die Verkleidungen von Saxofonspielern und Trompetern mit Sombreros und traditionellen Outfits und am Ende mit Wrestler-Masken.

Trotz dieser optischen Schmankerl haben es die sieben Hauptstädter um die beiden Frontmänner Alec Völkel alias Boss Burns und Sascha “Hoss Power” Vollmer sowie ihre Begleitmusiker von The Tijuana Wonderbrass schwer, gegen die Newcomer von Kraftklub zu bestehen. Da können letztere einfach mehr Energie und Spielfreude aufbieten.

Ein scheinbar unerschöpfliches Maß an Spritzigkeit und Kraft bringen Jan Delay und seine Jungs von Disko No. 1 auf die Schalker Bühne. Das fliederfarbene Hemd des Sängers ist nur Minuten nach den ersten Tönen einer beeindruckend mitreißenden Show nassgeschwitzt. Der Hamburger braucht Bewegung. Stillstehen ist nicht drin. Auch nicht, wenn es mal langsamer wird. “Man kann nicht immer nur raven, man muss auch mal kuscheln”, kündigt er “Für immer und dich” an.

Alleine er hält sich nicht daran. Wie ein Hampelmann hüpft er sich durch ein einstündiges Set. Delays Arbeitsweise, immer wieder Samples und häufig umgetextete Auszüge aus bekannten Charthits in seine Songs einzubauen, kommt beim Publikum an. Das beginnt bei den Backstreet Boys, geht über Cee Lo Green bis hin zu Technotronics 80er-Jahre-Hit “Pump Up the Jam”. Natürlich darf im souligen Patchwork-Sammelsurium sein großer Hit “Oh Johnny” nicht fehlen, ebenso wie das mitreißende “Klar”.

Eine musikalische 180-Grad-Kehrtwende vollführen im Anschluss Placebo. Die britischen Alternative-Rocker haben ein Best-Of-Set in die Arena mitgebracht und spielen sich durch das zumeist düstere und melancholische Material ihrer sechs Studioalben. Neben Hits wie “Battle for the Sun” und “Every You Every Me” gibt es als Vorgeschmack aufs für 2013 angekündigte nächste Album mit “B3″ eine kleine Kostprobe. Die passt sich ebenso stilsicher ins Programm des Londoner Trios wie das Kate-Bush-Cover “Running Up that Hill”, das Brian Molko und seine zwei Kollegen im Placebo-typischen Stil assimilieren.

Die Red Hot Chili Peppers sind Headliner der ersten Rock-im-Pott-Veranstaltung und lassen mit einem nahezu ausschließlich aus Hits zusammengesetzten Set keinen Zweifel an ihrer Stellung aufkommen: “Give It Away”, “Under the Bridge”, “Californication” – die Fans können sich nicht beschweren. Sänger Anthony Kiedis tänzelt Pirouetten drehend über die Bühne, und auch Bassist Flea hüpft und tankt in unnachahmlicher Manier umher. Zur Zugabe kommt der 49-jährige gar im Handstand zurück.

Einzig Gitarrist Josh Klinghoffer muss sich zurückhalten: Es hat einen gebrochenen Fuß und muss sitzen. Er wie auch die anderen haben zwischendurch in Soli Gelegenheit zu zeigen, welch gute Instrumentalisten sie sind. Da stehen Münder offen. Ein gutes Zeichen. Rock im Pott darf gerne weitergehen. Experiment gelungen.

ELTON JOHN / OBERHAUSEN / 03.07.2012

„Greatest Hits Tour“ hat Elton John seine aktuelle Konzertreise betitelt. Ein guter Ansatz, schließlich hat der 65-jährige Brite reichlich Erfahrung bei Best-Of-Zusammenstellungen. Über ein Dutzend Greatest-Hits-Alben hat er in seiner Karriere bereits veröffentlicht. Dass bei rund 100 Singles beim Auftritt in der Oberhausener Arena am Ende aber nicht alle Lieblingssongs der Zuhörer gespielt werden, ist unvermeidbar.

Um die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen, braucht Elton John eigentlich nicht mehr als seine Stimme und einen Flügel. Dennoch ist es ganz schön voll auf der Bühne. Insgesamt elf Mitmusiker schart der Künstler um sich, darunter der vierköpfige Damenchor mit Rose Stone, die als Sängerin der Funkband Sly and the Family Stone bereits in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde, die Cellisten Luca Sulic und Stjepan Hauser. Die beiden Kroaten haben die Zuhörer als 2Cellos in der Halle zuvor bereits mit Interpretation von Michael Jacksons „Smooth Criminal“ und „Highway to Hell“ von AC/DC eingeheizt, ehe der Meister seine rund zweieinhalbstündige Show beginnt.

Mit „Tiny Dancer“ kommt schon recht früh einer der großen Klassiker des Briten – für die Damen, wie Elton John verkündet. Besonders bei den balladesken, gefühlvollen Nummern ist der Brite besonders einnehmend und seine Stimme glasklar. „Candle in the Wind“ ist eine solche Komposition, „Don’t Let the Sun Go Down on Me“ oder aber auch „Sacrifice“, das für wohlige Gänsehautstimmung sorgt.

Es geht aber auch anders: Bestes Beispiel ist an diesem Abend die elfminütige Bombasthymne „Funeral for a Friend/Love Lies Bleeding“ mit ihren fast schon orchestralen Zügen und so vielen Melodien, dass andere daraus ganze Alben basteln könnten. Da applaudiert sich Bassist Bob Birch am Ende sogar selbst. Gut aufgelegt sind auch Schlagzeuger Nigel Olsson, der immer wieder grinsend mit der Kamera kokettiert, und Gitarrist Davey Johnstone mit wehend weißer Mähne. Ein wenig problematisch stellt sich die Abmischung bei den instrumental umfangreichen und rockigen Nummern dar. Da geht Elton Johns Stimme hin und wieder ein wenig unter. Schade. Dagegen setzt er seine körperliche Präsenz.

Ganz klar, Blickfang ist sein grün-schwarzes Outfit. Auf dem Rücken seines knielangen Fracks begegnen sich flirtende Flamingos in einer glitzernden Paradieswelt. Dieses Schauspiel präsentiert der Brite immer wieder, wenn er sich von seinem Schemel erhebt, um sich einen Schluck Wasser zu gönnen und mit ausgestreckten Armen ins Publikum zu zeigen. Das macht er gerne und ausschweifend, will er doch seine Finger nicht nur für die weißen und schwarzen Tasten nutzen.

Zwei der vielen Höhepunkte des Abends sind sicherlich „Rocket Man“, das der ewig blonde Elton John vor einem bühnenfüllenden Sternenhimmel spielt, und die solo vorgetragene Kalter- Krieg-Ballade „Nikita“. Ganz groß ist auch „Your Song“, die Zugabe des Abends, die es aber erst nach einer kleinen eingeschobenen Autogrammstunde gibt. Danach muss sich Elton John beeilen. Draußen wartet schon der gelbe Hubschrauber.

Einige Lieder, die wunderbar ins Set gepasst hätten, spart der geadelte Brite aus. Nummern aus seinen Soundtracks zum Beispiel, das Kiki-Dee-Duett „Don’t Go Breaking My Heart“ oder das schwere „Gone to Shiloh“ vom aktuellen Album „The Union“ mit Leon Russell. Bei einer rund 150 Konzerte umfassenden „Greates  Hits“-Tour muss hin und wieder auch etwas Abwechslung her.

(erschienen am 03.07.2012 im Westfälischen Anzeiger)