Archiv für den Monat: August 2013

Rock im Pott / Gelsenkirchen / 18.08.2013

Weniger Zuschauer als im Vorjahr, ein undichtes Hallendach, Menschenschlangen wohin das Auge reicht – der Stimmung bei der zweiten Auflage des Ein-Tages-Festivals “Rock im Pott” in der Gelsenkirchener Veltins-Arena macht das keinen Abbruch. Kein Wunder: Der Opener Biffy Clyro hätte gut und gerne auch als Headliner durchgehen können.

Ein hochkarätiges Line-Up mit rund neun Stunden gibt es für die rund 27.500 Zuhörer im Schalker Fußballstadion. Sechs Bands mit ordentlich viel Rock und einer Prise Rap sind am Start. Die undankbare Rolle des Anheizers kommt den Schotten von Biffy Clyro zu. Das schottische Trio sorgt schon am frühen Nachmittag für abendfüllende Unterhaltung. Große Melodien gehören zu ihren Stärken. Das Markenzeichen: freie und ordentlich tätowierte Oberkörper, viel Energie und mitreißende Hymnen wie gemacht fürs große Stadion. “Captain” ist eine dieser Nummern mit heftigen Riffs und Mitgröl-Refrain. Oder aber “Black Chandelier”, der Hit aus dem aktuellen Album “Opposites” mit einem Refrain für die Ewigkeit. Simon Neil, bärtiger Sänger des Trios, ergibt sich am Ende an der Gitarre in wilde Verrenkungen, die Zuschauer sind aufgewärmt.

Kontrastreich geht es weiter mit den Deftones. Die Alternative-Metalband aus Sacramento nimmt’s mit den Harmonien nicht so genau, sondern wütet in disharmonischen Gefilden, mal zahm, aber zumeist mit einer gehörigen Portion Wut im Magen. Trägt Sänger Chino Moreno die Gitarre um die Schultern, hält er sich zurück. Alleine mit dem Mikro in der Hand tobt er ekstatisch umher und schreit sich die Seele aus dem Leib. Höhepunkt ist das kraftvoll balladeske “Change (In the House of Flies)”. Beim chaotischen “Root” gibt’s mal schrilles Geschrei, mal weinerlichen Gesang – und auch mal etwas, das sich nach Rap anhört.

Stichwort: Rap. Casper scheint auf Anhieb nicht so ganz ins Programm zu passen. Der Bielefelder Rapper erkennt das auch. “Wer findet’s zum Kotzen?” ruft er mit einem breiten Grinsen. “Wisst Ihr was? Ich auch.” Ist natürlich nur Spaß. Casper findet schnell einen Draht zu den harten Rockern auf Schalker Rasen. Im Rücken hat der 30-Jährige eine fünfköpfige Live-Band, die vor allem eines kann: rocken. Am Ende hatte er das Volk auf seiner Seite, und die Hände sind in der Luft bei Songs wie beim radiotauglichen “So perfekt”, dem vor Aggressivität strotzenden “Mittelfinger hoch” und dem wie die Faust aufs Auge passenden “Rock ‘n’ Roll”.

Tenacious D müssen sich gar nicht bemühen. Es reicht wenn die beiden Wonneproppen Jack Black, im zweiten Leben gut bezahlter Hollywood-Schauspieler, und Kyle Gass, ebenfalls Mime von Beruf, nur dastehen und die Augen rollen lassen. Dann tobt die Menge. Das Duo steht für Klamauk und Heavy Metal – mit Akustikgitarren. Vor allem aber nehmen die beiden kein Blatt vor den Mund, auch wenn ihre Comedy-Show sich bisweilen in babylonischer Sprachverwirrung ergeht. Ansonsten besingen Black und Gass – wenn sie nicht gegen einen Alien-Tintenfisch kämpfen oder mit einem Roboter, der den personifizierten Metal darstellt, Gitarre spielen – das Duell mit dem Teufel in “Beelzeboss (The Final Showdown)”, erzählen von der Flucht nach Hollywood in “Kickapoo” und präsentieren eine Hommage an den besten Rocksong aller Zeiten in “Tribut”, während im Bühnenhintergrund ein aufblasbarer Phoenix bedrohlich dreinblickt. Es ist kein Zufall, dass er einem männlichen Gemächt ähnelt.

Volbeat stammen aus Dänemark und haben sich ebenfalls dem Heavy Metal verschrieben – allerdings kommt das Quartett eine Stufe humorloser daher. Das neue Album “Outlaw Gentlemen & Shady Ladies” atmet Western-Atmosphäre und viele der Geschichten, die Sänger Michael Poulsen in Gelsenkirchen mit Inbrunst vorträgt, könnten geradewegs aus der Prärie stammen wie etwa “Doc Holliday” oder “Lola Montez”. Johnny Cashs “Ring of Fire” wird ebenso gecovert wie – untypisch für den Wilden Westen – Rammsteins “Keine Lust”.

Headliner des Tages sind System of a Down. Das letzte Album der kalifornischen Metaller stammt zwar aus dem Jahr 2005, eine Horde an Fans hat der Vierer aber dennoch dabei. Für die gibt es eine ganze Menge an Klassikern wie “Chop Suey!” oder “Toxicity” und viel Gelegenheit, die alten Texte aus den hintersten Gehirnecken hervorzukramen, um in den Refrains gesanglich einzusteigen. Daneben stellen die armenisch stämmigen Musiker um Sänger Serj Tankian viel Abwechslungsreichtum und Experimentierfreude unter Beweis: Folkloristisch geht es in “Radio/Video” zu, “Lost in Hollywood” ist eine schwere Ballade mit gebetsartigen Strophen und “A.D.D.” aus allerlei Versatzstücken zusammengesetzt, am Ende aber immer noch ein Thrasher. Im Publikum bricht gewolltes Chaos aus, Kamikaze-Tänzer sind unterwegs. Auch wenn die meisten Tribünen leer bleiben, entscheidend ist immer noch auf’m Platz. Da hatte Alfred Preißler recht.

SOJA / Köln / 04.08.2013

Genauso wie im Mutterland der Reggae-Musik, Jamaika, ragt am Sonntag auch in Köln die Anzeige des Thermometers über die 30-Grad-Marke hinaus. Die äußeren Bedingungen stimmen also, für den passenden Inhalt sorgen in der Live Music Hall Soldiers of Jah Army, kurz Soja.

Die US-amerikanische Reggae-Combo pflügt sich mit spielerischer Leichtigkeit durch die weit ausgebreiteten Pfade karibischer Musikkultur und meistert nebenbei den einen oder anderen Schritt ins poppig rockige Gefilde.

Siedend heiß ist es drinnen in der Halle, die ohnehin schon für ihr Sauna-Flair bekannt ist. Die achtköpfige Band hat mit dem tropischen Klima aber kein Problem. Im Gegenteil: Auf den paar Quadratmetern Bühne stehen sich die acht Bandmitglieder immer schön im Weg, wenn etwa Gitarrist Trevor Young von ganz links nach ganz rechts zu Saxofonist Hellman Escorcia will, Rafael Rodriguez an der Trompete nicht im Hintergrund verweilen möchte und Bassist Bobby Lee Kung-Fu-Tritte übt oder mit seinen Dreadlocks, die bis in die Kniekehlen reichen, um sich peitscht.

Musikalisch kommen sich die Bandmitglieder dafür nicht in die Quere. Sie sind jeder einzelne an ihren Instrumenten große Könner. Sie alle sind omnipräsent und stecken ganz viel Energie in ihre Songs. Vor allem die beiden Bläser Escorcia und Rodriguez bereichern die Stücke grandios mit viel Puste und flinken Fingern. Bisweilen sind es wahre Soundteppich-Monster, die Soja aus den Boxen jagen. Die Dosis aber stimmt. Überladen wirkt die Musik zu keiner Zeit, sondern entwickelt sich in rund 100 Minuten Spielzeit schön facettenreich.

“You and Me” – der Titel verrät es – ist ein Liebeslied und verbreitet wohlige Melancholie. In “Sorry” bricht der zwischenmenschliche Konflikt aus: Sie will, dass er sich ändert. Er aber entschuldigt sich nur dafür, so zu sein, wie er ist – und hat Spaß dabei, zeigt sich das Lied doch als wunderbar tanzbare Nummer mit viel Groove.

Wo wir beim Tanzen sind: Der brasilianische Karneval hält auch Einzug in die Live Music Hall: Mit Trillerpfeifen und wildem Trommelspiel verlegen Soja die Copacabana kurzerhand nach Köln. Die Domstädter kennen sich mit dem Thema schließlich aus. Fehlen nur noch Samba tanzende Damen im Federkleid – und die Höhner.

Schweißtreibend geht es auch beim Song “To Whom It May Concern” zu, das mit dicken Riffs beginnt und einen Hauch vom 90er-Crossover zurückholt, während er einen Aufruf startet, gemeinsam und friedlich gegen den freiheitsbeschneidenden Überwachungsstaat aufzubegehren. Die Musiker werfen sich kreuz und quer Trommelstöcke über die Bühne zu und bearbeiten ihre Instrumente damit. Tiefenentspannt gestaltet sich dagegen “Open My Eyes” – auch textlich, zeigt sich Sänger Jacob Hemphill doch im Einklang mit sich und der Welt, ohne Reue beim Blick zurück, hoffnungsvoll für die Zukunft und dankbar für jeden Augenblick. Esoterisch kommt auch die Zugabe daher: Alleine an der Akustikgitarre singt Hemphill mit seiner markant näselnden Stimme das Nahko-Cover “Aloha Ke Akua”. Und durch die Live Music Hall weht erfrischend eine leichte hawaiianische Brise.