Archiv für den Monat: November 2012

SEEED / OBERHAUSEN / 24.11.2012

Es gibt Bands, die sind für die große Bühne geschaffen. Bei den Berliner Jungs von Seeed trifft das nicht nur in musikalischer Hinsicht zu, sondern hat nebenbei auch logistische Gründe. Elf ruhelose Musiker auf eine Club-Bühne zu packen, kann ganz schön eng werden. Beim Auftritt in der vollbesetzten Oberhausener Arena hat die Reggae- und Dancehall-Combo allerdings genug Platz für ausschweifende Tanzeinlagen und Choreografien – und nutzt das gnadenlos aus.

Wer auf ein Seeed-Konzert geht, braucht vor allem eines: Kondition. Und Peter Fox, neben Boundzound und Dellé einer der drei Frontmänner, gibt auch gleich die Marschrichtung vor: „Morgen ist ein freier Tag. Wir haben gute Laune und geben alles!“ Besonders schwer haben es die Berliner allerdings nicht. In Oberhausen treffen sie auf ein durchweg enthusiastisches Publikum mit unbändigem Tanzwillen – das hat die Arena selten gesehen und verlangt der Band vollen Körpereinsatz ab.

Die Musiker manövrieren sich mit professionellen Fingerfertigkeiten durch ein abwechslungsreiches Set. Über Genre-Grenzen fliegen Seeed rücksichtslos hinweg und mischen ihren Reggae-Mutterboden mit harten Rock-Riffs, mit Trompeten und Saxophon unterlegtem Blues und auch mit Danceund Techno-Elementen. Da wird relaxt gegroovt in „Walk Upright“, ordentlich gescratcht in „Music Monks“ mit seinen spacigen Computertönen und in „Beautiful“ fleißig an der Ohrwurm-Schraube gedreht. Die Mischung stimmt. Nicht zuletzt, weil sich ältere Nummern wie „Release“ (2003) und „Ding“ (2005) immer wieder mit Material vom soeben erschienen vierten Album der Band, das sich nahtlos ins Schaffen der Berliner Elf einreiht, abwechselt.

„Augenbling“ ist eine der neuen Nummern mit eindeutiger Aufforderung zum Hüftkreisen und Armeschwingen. Schlechte Laune hat bei Seeed keine Chance. Ein wenig Augenklimpern und schon ist alle Trübsal vergessen. Die uneingeschränkt positive Grundstimmung der Seeed-Songs schwappt in Windeseile aufs Publikum über. Da geht es zum Beispiel um Berlin, Seeeds Heimat. Wie etwa im ersten großen Hit der Band, „Dickes B“, einer Liebeserklärung an die deutsche Party-Hauptstadt. Oder aber in „Schwarz zu Blau“, einer ursprünglichen Peter- Fox-Solonummer, die die Metropole „von der dunklen Seite des Mondes betrachtet“, ihr aber auch in der von Sonderlingen und Dreck beherrschten Nacht eine ganz eigene Schönheit abgewinnt.

Aus dem 2008 erschienenen Soloalbum des 41-jährigen Fox bedient sich die Band gerne, macht aus Liedern wie „Alles neu“ und „Schüttel deinen Speck“ aber ganz eigene Seeed-Versionen. Aus letzterem erwächst ein Tanz-Wettkampf dreier Zuschauerinnen, die auf der Bühne ihr Können zeigen sollen. Die Zuschauer stimmen ab – und können sich nicht entscheiden. Das war nicht übel. Am Ende gibt es zwei Siegerinnen, ein Trompeten-Solo als Dank und T-Shirts zur Erinnerung.

Musikalischer Höhepunkt des Abends ist allerdings das mit seinem pumpenden Electro-Beat an Deichkind erinnernde „Seeeds Haus“. Die Musiker legen die Instrumente beiseite und werden zu Animateuren, um den Fans einzuheizen. Die Begeisterung erreicht ihren Höhepunkt. „Der Ruhrpott ist leer, das Einkaufszentrum ist zu. Alle sind hier!“ stellt Peter Fox fest.

THE HIVES / KÖLN / 21.11.2012

Understatement ist für die Schwedenrocker von „The Hives“ ein Fremdwort. Vielmehr treffen bei dem Quintett aus Fagersta Größenwahn und Proletentum aufeinander. Natürlich ist das nur gespielt. Die Hives präsentieren sich beim einzigen NRW-Termin ihrer Tour im Kölner Palladium als sympathische Truppe mit Frack, Fliege und Zylinder, die lediglich gerne spuckt, über den Boden robbt und sich selbst auf den Thron der Rockgötter hievt.

Damit es keinen Zweifel daran gibt, setzen Sänger Howlin’ Pelle Almqvist und seine Mitstreiter auf vollen Körpereinsatz. Almqvist springt und klettert auf Monitore und die Boxentürme an den Bühnenseiten, windet sich in den Kabeln und badet in der Menge, die ihn selbstverständlich auf Händen trägt. Da wird auch der Großkotz Almqvist hand- „The Hives“ aus Schweden begeistern mit Volldampfmusik in Köln zahm, grinst, hält das Mikro in die grölende Meute und klatscht mit den Fans ab. Zurück auf der Bühne geht er in seinen markanten Marschschritt über, den er bei „Walk Idiot Walk“ zur Perfektion bringt, stöckelt zwischenzeitlich wie ein eitler Pfau umher und vollführt Kung-Fu-Tritte. Nach jedem Song ergibt sich der Sänger in einen nicht enden wollenden Redeschwall.

Er sei religiös, gesteht der der 34-Jährige. Allerdings glaube er weniger an die Kirche als vielmehr in seine wahre Liebe: den Rock ‘n’ Roll. Kein Wunder, dass er das Palladium kurzerhand zu seinem Kölner Dom macht. Dass Almqvist eine regelrechte Quatschtante ist, ist bekannt. Dass seine Reden nicht immer Sinn machen, ebenso. „Ich weiß gar nicht, was ich hier erzähle“, gibt er zu. „Ich sollte aufhören, zu quatschen, und mehr rocken“, kündigt er an und hält sein Versprechen für drei Minuten.

„Hoppe up and down!“ fordert der Sänger das Publikum in seinem ganz eigenen Esperanto auf und legt in gebrochenem Deutsch nach: „Es sind junge Männer aus Schweden auf die Bühne heute Abend!“ Der Animation hätte es nicht bedurft. Die Fans verwandeln sich auch so in eine wabernd-tanzende Masse und liegen bereits mit den ersten Takten des Konzerts im Clinch miteinander.

Zum ersten Höhepunkt des Abends entwickelt sich „Main Offender“, eine mit rüden Worten vorgetragene Rockstar-Selbstreflexion. Das rotzige „I Want More“ könnte als Band-Slogan verstanden werden. Genügsam können andere sein: Ein größeres Stück vom Kuchen, größere Autoreifen und eine Million Augenpaare, die ihn anstarren, wünscht sich Almqvist im Song. „Wait a Minute“ ist eines der wenigen Stücke, bei dem sich Gitarrist und Almqvist-Bruder Nicholaus Arson nicht auf dem  Bühnenboden suhlt oder er auf Knien rutscht, sondern singenderweise in Erscheinung tritt.

Traditionell halten sich die übrigen Musiker im Hintergrund. Ins Auge fällt nicht zuletzt jedoch Vigilante Carlstroem, der gewichtige und bärtige zweite Gitarrist der Band, in dessen mächtigen Händen das Instrument wie ein Kinderspielzeug wirkt, das bei den gelegentlichen Ausbrüchen des Musikers zu zerbrechen droht. So auch bei „Won’t Be Long“ – durch den Einsatz in einem Werbespot der wohl bekannteste Hives-Song. Dank Ohrwurm-Melodie ist die Masse völlig aus dem Häuschen.

Der stärkste Song aber ist „Patrolling Days“ vom aktuellen Album „Lex Hives“ mit seinem vor Eingängigkeit triefenden Refrain. Als Zugabe folgt „Tick Tick Boom“. Damit zünden die Schweden nach knackigen 75 Minuten die Megalomanie-Bombe.