Archiv für den Monat: August 2012

ROCK IM POTT / GELSENKIRCHEN / 25.08.2012

“Wir haben noch nie vor so vielen Leuten gespielt”, gesteht Kraftklub-Rapper Felix Brummer zu Beginn der Rock-im-Pott-Premiere, einem neuen eintägigen Festival in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Halle, in der sich am Ende rund 41.000 Zuhörer einfinden werden, noch lange nicht voll besetzt.

Ein wenig verloren wirkt die Chemnitzer Rock-Formation, der im vergangenen Jahr der große Durchbruch gelang, schon auf der großen Bühne. Unbeeindruckt legen sie aber eine knackige Show hin. Ein guter Start in einen langen Musik-Samstag. Behilflich ist den Fünfen dabei auch der Ohrwurm-Charakter ihrer wenn auch wenig facettenreichen Songs. “Scheiß in die Disco”, “Songs für Liam” und “Ich will nicht nach Berlin” laden zum Mitgrölen und rhythmischen Klatschen ein – eine große Vorgabe für The BossHoss, die im Anschluss spielen.

Diese kommen zwar aus der Berlin, ziehen ihre Western-Show aber knallhart durch und sprechen deshalb ausschließlich Englisch mit den Fans. Das hört sich allerdings weniger nach Tennessee als nach Prenzlauer Berg an. Auf die Dauer ist das unfreiwillig komisch. Eine tatsächlich witzige Idee sind dagegen die Verkleidungen von Saxofonspielern und Trompetern mit Sombreros und traditionellen Outfits und am Ende mit Wrestler-Masken.

Trotz dieser optischen Schmankerl haben es die sieben Hauptstädter um die beiden Frontmänner Alec Völkel alias Boss Burns und Sascha “Hoss Power” Vollmer sowie ihre Begleitmusiker von The Tijuana Wonderbrass schwer, gegen die Newcomer von Kraftklub zu bestehen. Da können letztere einfach mehr Energie und Spielfreude aufbieten.

Ein scheinbar unerschöpfliches Maß an Spritzigkeit und Kraft bringen Jan Delay und seine Jungs von Disko No. 1 auf die Schalker Bühne. Das fliederfarbene Hemd des Sängers ist nur Minuten nach den ersten Tönen einer beeindruckend mitreißenden Show nassgeschwitzt. Der Hamburger braucht Bewegung. Stillstehen ist nicht drin. Auch nicht, wenn es mal langsamer wird. “Man kann nicht immer nur raven, man muss auch mal kuscheln”, kündigt er “Für immer und dich” an.

Alleine er hält sich nicht daran. Wie ein Hampelmann hüpft er sich durch ein einstündiges Set. Delays Arbeitsweise, immer wieder Samples und häufig umgetextete Auszüge aus bekannten Charthits in seine Songs einzubauen, kommt beim Publikum an. Das beginnt bei den Backstreet Boys, geht über Cee Lo Green bis hin zu Technotronics 80er-Jahre-Hit “Pump Up the Jam”. Natürlich darf im souligen Patchwork-Sammelsurium sein großer Hit “Oh Johnny” nicht fehlen, ebenso wie das mitreißende “Klar”.

Eine musikalische 180-Grad-Kehrtwende vollführen im Anschluss Placebo. Die britischen Alternative-Rocker haben ein Best-Of-Set in die Arena mitgebracht und spielen sich durch das zumeist düstere und melancholische Material ihrer sechs Studioalben. Neben Hits wie “Battle for the Sun” und “Every You Every Me” gibt es als Vorgeschmack aufs für 2013 angekündigte nächste Album mit “B3″ eine kleine Kostprobe. Die passt sich ebenso stilsicher ins Programm des Londoner Trios wie das Kate-Bush-Cover “Running Up that Hill”, das Brian Molko und seine zwei Kollegen im Placebo-typischen Stil assimilieren.

Die Red Hot Chili Peppers sind Headliner der ersten Rock-im-Pott-Veranstaltung und lassen mit einem nahezu ausschließlich aus Hits zusammengesetzten Set keinen Zweifel an ihrer Stellung aufkommen: “Give It Away”, “Under the Bridge”, “Californication” – die Fans können sich nicht beschweren. Sänger Anthony Kiedis tänzelt Pirouetten drehend über die Bühne, und auch Bassist Flea hüpft und tankt in unnachahmlicher Manier umher. Zur Zugabe kommt der 49-jährige gar im Handstand zurück.

Einzig Gitarrist Josh Klinghoffer muss sich zurückhalten: Es hat einen gebrochenen Fuß und muss sitzen. Er wie auch die anderen haben zwischendurch in Soli Gelegenheit zu zeigen, welch gute Instrumentalisten sie sind. Da stehen Münder offen. Ein gutes Zeichen. Rock im Pott darf gerne weitergehen. Experiment gelungen.

AREA 4 / LÜDINGHAUSEN / 17.-19.08.2012

Zum achten Mal verwandelte sich am Wochenende der Flugplatz Borkenberge bei Lüdinghausen in einen Treffpunkt für eingefleischte Rockmusik-Fans. Die großen Namen fehlten beim diesjährigen Area4-Festival zwar. Dafür gab es für die rund 16.000 Besucher von Freitag bis Sonntag viel zu entdecken, wiederzufinden und Bekanntes neu aufzuspüren.

Bei der festivaltypischen Jahrmarktstimmung mit Bungee-Turm, Kirmesbuden und kulinarischer Massenverpflegung war auf der Hauptbühne und im großen Musikzelt Dauerbeschallung mit rund 50 Bands angesagt. Letzteres gestaltete sich verstärkt zur Plattform von weniger etablierten Bands und dem ein oder anderen Geheimtipp.

Entdecker stießen dort am Festival-Samstag etwa auf das Alternative-Rock-Trio „We Are Augustines“ um Sänger und Gitarrist Billy McCarthy, der mit chronisch heiserer Stimme eine schweißtreibende Show abliefert. Was im übrigen auch für die Akteure vor der Bühne galt: Die Menge tanzte bei 30 Grad in der prallen Sonne. Drei Tage lang. Eine reife Leistung.

Alte Hasen dagegen waren die ganzkörpertätowierten New Yorker von „Agnostic Front“, die sich auf der Hauptbühne durch ihr Set mit einer Mischung aus Hardcore und old-schooligem Punk knüppelten. Die Hardcore-Institution „Sick of It All“ wurde für den Sonntag ebenfalls aus der Ostküsten-Metropole eingeflogen, um dem Publikum in Schrei-Manier ernsthafte Themen rund ums harte Leben in Queens um die Ohren zu brüllen.

Auffallend stark vertreten war an allen drei Tagen Musik aus deutschen Landen. Neben etablierten Bands wie den „Donots“, den Sportfreunden Stiller und den „Beatsteaks“ gab es musikalische Vielfalt etwa mit der Thüringischen Metalcore-Combo „Heaven Shall Burn“, den Indie-Rockern „Kilians“ und den Hamburger Jungs von Kettcar. Deutsch-Rapper Casper, dem im vergangenen Jahr der große Durchbruch gelang, gehörte auch dazu. Mit seinem Album „Xoxo“ erklomm der gebürtige Bielefelder 2011 die Spitze der Album-Charts. Nicht verwunderlich also, dass es für die Massen vor der Hauptbühne eine Reim-Breitseite gab – unterlegt mit kraftvollen Gitarrenriffs.

Zu den musikalischen Schwergewichten zählten beim Area4 am Freitag ohne Frage „Social Distortion“. Bewährt schnoddrig nuschelnd am Mikro: Mike Ness mit einem modisch fragwürdigen Anker-Tattoo am linken Auge. Souverän navigiert er sich und seine drei Mitmusiker durch ein verhältnismäßig langes Punkrock-Set. 90 Minuten gab es das Quartett aus Orange County bei Soloauftritten so gut wie nie zu sehen. Neben aktuellen Nummern hatten es, wie gewohnt, viele Klassiker ins Set geschafft: „The Story of My Life“ zum Beispiel, „Sick Boy“ oder das Johnny-Cash-Cover von „Ring of Fire“. Die Fans waren aus dem Häuschen.

Noch mehr Stimmung brachten am Folgetag „The Gaslight Anthem“ mit erdigem Rock ‘n’ Roll auf das Flugplatz-Gelände. Das war bluesig, mal laut, aber immer strotzend vor Melodien. Die hatten auch „The Subways“ im Gepäck – und „The Wombats“. Die Liverpooler Indie-Rocker setzen in ihren Songs auf den ausgiebigen Einsatz von Synthesizern und reihten einen Ohrwurm an den anderen.

(erschienen am 20.08.2012 im Westfälischen Anzeiger)