Archiv für den Monat: Juni 2012

BLINK-182 / ESSEN / 25.06.2012

Wer die Bandhistorie der US-Pop-Punker Blink-182 kennt, der wird das Gefühl nicht los, die Jungs aus Kalifornien hätten ein Talent fürs Zuspätkommen. Als sie Mitte der 90er Jahre ihre ersten Platten veröffentlichten, hatten Bands wie Pennywise oder NOFX das Genre längst massentauglich gemacht. Im vergangenen Sommer wurde aktuelle Album nicht fertig. Die Folge waren Konzertabsagen, darunter der Termin in der Essener Grugahalle. Jetzt stand das Trio dann doch auf der Bühne. Mit einjähriger Verspätung.

Über die Planungspanne fällt kein Wort. Zu sagen haben Bassist Mark Hoppus und Gitarrist Tom DeLonge, die Sprachrohre der Band, aber viel. Auch, wenn es nur Blödsinn ist. Eigentlich geht es immer um das eine: das Gefummel von Männlein und Weiblein. Vielleicht ganz gut, dass sie so nuscheln und die Zuhörer nur die Hälfte verstehen.

Als Grund für die Tourabsage gab die Band auf ihrer Webseite an, sie wollte mit neuem Material und nicht erneut mit einer Best-Of-Tour unterwegs sein. Songs vom aktuellen Longplayer „Neighborhoods“ gibt es tatsächlich. Die Nummern, die Jubelstürme auslösen, sind jedoch die älteren Stücke, angefangen von „Damnit“ (1997), „Dumbweed“ (1999) über die Klassiker „All the Small Things“ und „What’s My Age Again“ bis hin zu „The Rock Show“ (2001). „Wo sind die Mädchen?“ ruft DeLonge zwischendurch und kündigt mit „I Miss You“ ein wenig Abwechslung vom knüppelnden Punkrock an. Mehr Zeit zum Kuscheln bleibt abgesehen von „Always“ nicht. Das Trio mag‘s schneller und auch mal ungewöhnlich: Das rund 40-sekündige „Happy Holidays, You Bastard“ spielen Blink-182 in völliger Dunkelheit. Ebenso ausgefallen wie die Musiker ist auch die Show. Gleißende Spots flackern durch die Grugahalle, auf der Leinwand schlagen Totenköpfe Purzelbäume und kreisen Bananen im Stakkato-Takt.

Heimlicher Star ist der ganzkörpertätowierte Schlagzeuger Travis Barker. Nur mit Shorts bekleidet ist die drahtige Litfaßsäule in der Vergangenheit weniger durch musikalische Leistung als durch die grenzwertige Reality-Show „Meet the Barkers“ auf MTV und sein Tête-à-tête mit Society-Sternchen Paris Hilton aufgefallen. Nötig hat er das nicht: Spätestens bei seinem Solo in der Zugabe lässt er erahnen, wie gut er und seine Trommelstöcke sich verstehen. Klasse.

Nach rund 80 Minuten rieselt der Konfettiregen auf die schwitzenden Häupter. Kurzer Blick auf die Wunschliste: Alle Songs abgehakt. Das passt schon. Gegen etwas mehr Blink-182 hätte sich aber niemand gewehrt. Was bleibt, ist ein gelungener Abend, der mit Royal Republic und The All-American Rejects zwei starke Vorbands in petto hatte. Da darf man gerne auch mal zu spät kommen.

(erschienen am 27.06.2012 im Westfälischen Anzeiger)

OZZY OSBOURNE / DORTMUND / 04.06.2012

Eigentlich hatten sich Black Sabbath angekündigt, am Ende sind es in den Dortmunder Westfalenhallen nur „Ozzy & Friends“ geworden. Grund für die Sabbath-Light-Version ist die Krebserkrankung von Gitarrist Tony Iommi. Schockrocker Ozzy Osbourne hat dafür ein paar Freunde mitgebracht, allen voran Sabbath-Bassist Geezer Butler.

In bekannter Weise kommt Ozzy mit tippelnden Schritten auf die Bühne. Wenn er sich bewegt, wirkt er gebrechlich. Die Folgen seiner Nervenerkrankung sind allgegenwärtig. Genauso wie die glitzernden Kreuze auf seinem Hemd. Wenn Pailletten-Ozzy aber fest am Mikrofon steht, die Augen schwarz geschminkt, die Fingernägel lackiert, das nass klebende Haar im Gesicht, und er „Lasst den Wahnsinn beginnen!“ ruft, dann ist das legendär. Feuerwerkskörper knallen, die Menge johlt. Der Brite hat Spaß, daran lässt er keinen Zweifel.

Nicht erst seit seiner schrägen und absurden Reality-Show ist bekannt, dass dem Altrocker der Schalk im Nacken sitzt. So auch heute – wenn auch nicht mehr so wild wie in vergangenen Tagen: Statt auf Fledermausköpfe steht er mittlerweile mehr auf Wasser. Nicht nur, dass er sich nach dem ersten Song selbst nass macht, mit einem Schlauch sorgt er regelmäßig für Schaumbad-Atmosphäre in den ersten Reihen – Ozzy, der Bademeister.

Es dauert nicht lange, und die ersten Luftgitarren werden im Rund ausgepackt, Haarschöpfe wirbeln, Osbourne wirft mit Handküssen um sich und sorgt am Ende auch noch für eine verkehrte Welt: Ozzy geht auf die Knie und betet das Publikum für seine Leistung an. Er hat die Menge im Griff. Wenn da nur der miese Sound nicht wäre.

Vor allem zu Beginn der Show verkommen die Songs zu einer wabernden und blechernen Masse. Dabei hat Osbourne doch einen Querschnitt seines musikalischen Schaffens ins Ruhrgebiet gekarrt. „Mr. Crowley“ und „Suicide Solution“ von seinem 1980er Debüt-Album „Blizzard of Ozz“ gehören ebenso zum Set wie „Bark at the Moon“ und „Shot in the Dark“ aus den Folgejahren. Selbstverständlich gibt es auch Black Sabbath: Unterstützt von Bassist Geezer Butler singt Osbourne unter anderem „Iron Man“ und „War Pigs“. Zusammen mit Gastmusiker Zakk Wylde gibt er auch noch den „Crazy Train“, das gefühlvolle „Mama I‘m Coming Home“ und den Klassiker schlechthin: „Paranoid“.

Zakk Wylde spielte einst in Osbournes Solo-Band, jetzt ist er Frontmann der Metal-Combo „Black Label Society“. Diese gestalten zusammen mit „Steel Panther“ das Vorprogramm – und liefern eine Mischung aus Coolness und Peinlichkeit ab. Während die Jungs von „Steel Panther“ grell geschminkt eine augenzwinkernde Glam-Rock-Parodie mit sexuell anzüglichen Texten präsentieren, wirkt Wylde mit Indianerschmuck wie ein Gojko-Mitic-Imitator mit E-Gitarre. Damit wäre er besser in Bad Segeberg aufgehoben. Stimmung machen er und seine Kollegen trotzdem. Vor allem beim mehrminütigen Gitarrensolo zeigt Wylde seine Fingerfertigkeiten am Instrument.

Nicht alle bekommen das mit: Dass die Zuhörer an diesem Abend nur wegen Rock-Ikone Ozzy und einem Hauch von Black Sabbath gekommen sind, offenbart die wartende Menge mit Bier und Pizza im Foyer.

(erschienen am 30.06.2012 im Westfälischen Anzeiger)