Archiv für den Monat: November 2011

MOTÖRHEAD / DÜSSELDORF / 29.11.2011

Lemmy Kilmister ist unverkennbar, nicht nur äußerlich, aber vor allem stimmlich. Der Sänger und Bassists der britischen Hardrocker Motörhead ist mit seinem Leben nicht immer sorgsam umgegangen. Das hört man mit jedem Ton, den er heiser ins Mikrofon röhrt. Der Brite ist eine Rock-‘n‘-Roll-Ikone und auch mit 65 Jahren noch regelmäßig auf Tour. Dabei muss er nicht viel machen, um die Metal-Fans, die sich an die Bühnenabsperrung drängen, zum Ausrasten zu bringen. Auch nicht in der brechend gefüllten Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle. Ein kurzer Blick und die ersten Zeilen des Openers „Bomber“ reichen da völlig.

Lemmy Kilmister, Hutfetischist, Bartträger, die Coolness in Person, läuft nicht über die Bühne und macht die große Show. Das überlässt der 65-Jährige dem Gitarristen Phil Campbell. Der ist mal auf der einen Seite der Bühne zu finden, mal auf der anderen und demonstriert am Bühnenrand, wie gut er mit seinem Instrument umgehen kann. Lemmy steht im Hintergrund und tritt nur hin und wieder einen Meter zur Seite, um sich ganz und gar seinem Bass zu widmen und ins Publikum zu deuten. Große Gesten: Fehlanzeige.

Den Chef-Einpeitscher mimt Schlagzeuger Mikkey Dee. Der sitzt hinter seinem Trommelgestell zentral auf einem Podest erhöht, springt gerne auf und gestikuliert wild ins Publikum mit der Aufforderung noch mehr Krach zu machen.

Lemmy setzt derweil auf Understatement. „Jetzt kommt ein Song von unserer neuen Platte ‚The Wörld Is Yours‘“, sagt er und deutet auf ein Banner mit dem passenden Schriftzug hin, so als ob er Werbung für seine Scheiben machen müsste. Muss er natürlich nicht: An den Reaktionen in der Halle gemessen, wird jeder der Zuhörer das Album längst zu Hause haben.

Zwanzig Langspielplatten haben die Londoner seit 1977 veröffentlicht. Da kann man schon mal durcheinander kommen. „Dieses Stück ist vom Album 1916“, erklärt Lemmy an der anderer Stelle. „Es ist von 1990 oder so, glaube ich.“ Phil Campbell pflichtet ihm bei. „Das könnte gut sein. Vielleicht auch 1992.“ Richtige Antwort: 1991. Aber egal.

Statt auf Worte, setzen Motörhead auf Musik: Neben jüngerem Material fehlen natürlich auch nicht die Klassiker – das rasante „Overkill“ von 1979 etwa, das erst ganz zum Schluss rausgehauen wird, der 1986er Stampfer „Orgasmatron“, der im grünen Bühnenlicht Gruselstimmung verbreitet, oder „Killed by Death“ (1984), bei dem Ex-Guns-n‘-Roses-Bassist Duff McKagan, der mit seiner Band Loaded den Anheizer gab, zur Unterstützung auf die Bühne kommt. Klarer Höhepunkt ist natürlich „Ace of Spades“. Da stehen stolz ergraute Heavy-Metal-Fans in mit Aufnähern übersäten Jeanswesten in der Menge die Tränen in den Augen, wird Luftschlagzeug gespielt und immer wieder die Faust nach vorne gereckt.

Bevor er von der Bühne geht, gibt sich Lemmy Kilmister  noch einmal in Untertreibung: „Vergesst uns nicht“, brummt er, als sei das gerade der Auftritt einer Schülerband gewesen. „Wir sind Motörhead. Und wir spielen Rock ‘n‘ Roll.“ Die Menge tobt. Wissen doch alle.

(erschienen am 01.12.2011 im Westfälischen Anzeiger)

INCUBUS / KÖLN / 19.11.2011

Mit ihrem neuen Album haben sich Incubus nicht nur Freunde gemacht. Zu sehr haben sich die fünf US-Amerikaner auf „If Not Now, When?“ von ihren Funk-Rock-Wurzeln entfernt und den Weg in softere Gefilde eingeschlagen. Vielleicht ist das der Grund, warum die Kölnarena beim Auftritt im Rahmen ihrer Welttournee nicht einmal zur Hälfte gefüllt ist. Dabei hätte die Band es verdient, vor ausverkauftem Haus zu spielen, denn es wird ein mitreißender Abend, vor allem in der zweiten Hälfte.

Schon mit dem ersten Ton werden die Zuhörer vom Quintett mitgerissen, und das, obwohl sich in Incubus nicht gerade die kommunikativsten Künstler zusammengetan haben. Gitarrist Mike Einziger, bekannt für seine außergewöhnlichen Fingerfertigkeiten, hält sich weitgehend unauffällig am Bühnenrand und beschäftigt sich mit seinem Effektgerät. Bassist Ben Kenney mit Mütze und dunkler Brille konzentriert sich ebenfalls auf seinen Part, während José Pasillas am Schlagzeug unaufgeregt seinem Job nachgeht. Rastalocken-Träger Chris Gilmore, der die Turntables bedient, fällt da schon mehr auf. Scratch-Einlagen, ein auch aus dem Crossover bekanntes Stilmittel, sind seit der Debütplatte im Jahr 1995 essentieller Bestandteil der Incubus-Songs. Das geschickte Spiel mit den Schallplatten lässt sich auf der großen Leinwand im Bühnenhintergrund immer wieder verfolgen.

Frontmann Brandon Boyd ist das Aushängeschild und Gesicht von Incubus – und eindeutig auch ein Frauenschwarm. Das wird spätestens dann klar, als er unter Gekreische mit freiem Oberkörper an den Bühnenrand tritt. Mit seiner Mähne wirkt er optisch wie eine etwas hagere, in die Länge gezogene Version von Eddie Vedder. Er spricht nicht viel mit den Zuhörern, bedankt sich aber immer wieder gerne kurz bei ihnen, stolpert zunächst in einem löchrig weißen T-Shirt über die Bühne und singt hingebungsvoll ins Mikrofon. Währenddessen scheint er in anderen Sphären zu schweben, steht häufig seitlich zum Publikum und macht bei geschlossenen Augen ekstatische Verrenkungen.

Zu hören gibt es Material quer durch die sieben Alben umfassende Diskografie der Kalifornier, darunter auch einige aktuelle Nummern, die sich bestens ins Live-Set einpassen. Los geht es aber mit „Megalomaniac“ , der ersten Single des 2004er Albums „A Crow Left of the Murder…“, die dann mit hymnischer Strophe und krachendem Refrain auch gleich in die Vollen geht. Danach gibt es mit „Pardon Me“ schon arg früh eine der besten Incubus-Nummern überhaupt. Mit der Akustikversion von „Love Hurts“ scheint der Höhepunkt der Show bereits zur Halbzeit erreicht. Nur von Einziger an der Gitarre begleitet, hockt sich Boyd auf den Bühnenboden und wippt immer wieder auf und ab. In diesem Moment wird die Halle ganz klein und intim. Das Publikum lauscht gebannt und zeigt sich im Chor schließlich äußerst textsicher. Im Anschluss steigern sich Incubus noch einmal, vor allem zum Abschluss hauen sie mit „Nice to Know You“, dem mit Recht meistbejubelten Hit des Abends „Drive“ und „Wish You Were Here“ ein bärenstarkes Song-Trio raus.

Nicht nur danach, sondern während des gesamten Auftritts ist nichts davon zu spüren, dass mancher Sitzplatz und auch der Innenbereich an einigen Stellen frei blieben: Die Band wird zu Recht lautstark gefeiert. Noch vor den Zugaben haben Incubus in gut anderthalb Stunden alles, was songtechnisch Rang und Namen hat, durch die Lautsprecher gejagt. Die Zugaben braucht es dann schon eigentlich gar nicht mehr.

(erschienen am 21.11.2011 im Westfälischen Anzeiger)

BUSH / KÖLN / 08.11.2011

Gavin Rossdale? Ist das nicht der Ehemann von Gwen Stefani? – Das wird heutzutage wohl die wahrscheinlichste Reaktion auf die Nachfrage zum gebürtigen Londonder Sänger sein. Dabei war Rossdale als Frontmann der Rockband Bush vor allem in den 90er Jahren selbst sehr erfolgreich. Im Fahrwasser des Grunge erschienen vier Alben. Zehn Jahre nach ihrer Trennung sind Bush nun mit (teil-)erneuerter Besetzung, neuem Album und Konzerten in Deutschland, unter anderem in der Kölner Live Music Hall, zurück.

Mitgebracht hat das Quartett eine Wagenladung an neuem Material und den wichtigsten Songs ihrer Karriere. Neben treibenden Rocknummern wie „Greedy Fly“ und „Swollowed“, das von den Zuhörer lautstark mitgesungen wird, gibt‘s mit „All Night Doctor‘s“ auch Balladeskes. Auf „Sound of Winter“, der aktuellen Single des neuen Bush-Albums, folgt ihr erster großer Hit „Everything Zen“. Die Zuhörer, im Schnitt um die 30, kennen den Text auch noch nach 17 Jahren auswendig. Mit „Come Together“ von den Beatles hat sich auch ein Cover eingeschlichen, das als stampfender Stoner-Rocker daherkommt. Als Zugabe gibt es dann auch noch die Bush-Hymne schlechthin: „Glycerine“ – in einer mitreißenden Version, bei der es zum Schluss noch mal richtig laut wird.

Gavin Rossdale und seine Kollegen kommen an diesem Abend sehr sympathisch rüber. „Wir haben uns mit ganz niedrigen Erwartungen ans Werk gemacht“, erzählt der Sänger über die Wiedervereinigung. „Wir wollten einfach wieder Musik machen. Jeder von euch heute Abend ist ein Bonus für uns.“ Rossdale hat Lust, auf der Bühne zu stehen. Während der Darbietungen gestikuliert er – etwas sehr theatralisch – zum Inhalt der Songs, geht gerne auf Knie und macht auch einen Ausflug in den hinteren Teil der Halle. Bei „The Afterlife“ steht er auf der Biertheke, danach mittendrin in der begeisterten und hüpfenden Menge.

Rund 90 Minuten dauert die explosiv-grandiose Show. Das einzige Lahme sind die Roadies, die zu Beginn fast eine geschlagene Stunde brauchen, um zwei Mikrofone aufzubauen. Aber wenn das alles ist…

(erschienen am 10.11.2011 im Westfälischen Anzeiger)